Anna Tanzer hatte einen Traum. "Am Nikolaus ist GroKo-Aus", rief die Vorsitzende der bayerischen Jungsozialisten beim Bundeskongress, begleitet vom Jubel der Delegierten. Zwei Wochen später deutet kaum etwas darauf hin, dass der 6. Dezember tatsächlich zum Freudentag für die Gegner der sozialdemokratischen Regierungsbeteiligung im Bund wird, wenn die Mutterpartei SPD von Freitag bis Sonntag zum Parteitag zusammenkommt.

Dabei lief es für die Jusos erst wie nach Drehbuch. Sechs Monate nach dem Rücktritt von Andrea Nahles nach einer quälend langen Kandidatensuche ist die SPD nicht mehr führungslos. Norbert Walter-Borjans und Saskia Esken setzten sich überraschend als Vorsitzduo durch. Sie werden am Freitag von den Delegierten offiziell ins Amt gewählt.

Die Jusos demonstrierten damit, dass sie zum Machtfaktor aufgestiegen sind. 80.000 der rund 425.000 Mitglieder sind bei ihnen organisiert, der Sieg von "Nowabo" und Esken war auch ihr Erfolg. Insbesondere jener Kevin Kühnerts. Er holte die Teilorganisation aus dem Vorhof der Macht - wie es einst Sebastian Kurz mit der Jungen ÖVP vorgemacht hatte. Im Gegensatz zum früheren und wohl künftigen österreichischen Kanzler fehlen Kühnert noch die bundespolitischen Erfolge. Ambitioniert ist der Bezirkspolitiker in Berlin jedenfalls, das untermauert er nun mit seiner Kandidatur um einen Vize-Vorsitzposten der SPD.

Hier stand gar eine Kampfabstimmung gegen Bundesarbeitsminister Hubertus Heil, der für eine Fortsetzung der großen Koalition eintritt, im Raum. Diesem Szenaraio will die SPD nun aber offenbar entgehen, indem es künftig fünf statt wie zunächst geplant drei Parteivize geben soll.

"Demokratischer Sozialismus"

Politisches Kapital erlangte der erklärte Sozialist Kühnert  mit seinem seit zwei Jahren währenden Kampf gegen die SPD-Regierungsbeteiligung. Parlamentsfraktion und Bundespartei räumten schrittweise ihre nach dem Wahldebakel 2017 - nur 20,5 Prozent für Deutschlands älteste Partei - getroffene Festlegung: "Der Platz der SPD ist in der Opposition." Der mittlerweile 30-Jährige blieb beim Nein und wurde damit Gesicht des Unmuts über die Parteioberen, auch wenn sich letztlich zwei Drittel der Mitglieder in einer Abstimmung für den Koalitionsvertrag aussprachen. Je öfter die Regierungspolitiker ihren Dissens öffentlich austrugen, je tiefer die Sozialdemokraten bei Landtagswahlen und in den bundesweiten Umfragen fielen, desto stärker stieg Kühnerts Ansehen in der Partei.

Wird er wirklich Vize, ist er der erste Jusos-Chef auf dem Posten. Frühere Vorsitzende der Jugendorganisation wie Gerhard Schröder begannen als selbsterklärte "Marxisten" und endeten als "Genosse der Bosse". Nun kündigen die kraftstrotzenden Jusos an, 50 Jahre nach der Linkswende ihrer Gruppierung "wollen wir jetzt die SPD auf Links wenden". Die Wiedereinführung der Vermögenssteuer ohne Ausnahmen für Betriebsvermögen, die Erhöhung der Erbschaftssteuer und Abschaffung aller Sanktionen bei der Grundsicherung sind für sie nächste Schritte "hin zum demokratischen Sozialismus" - ein Ziel, das nicht die Mutter SPD, sondern die Linkspartei in ihrem Programm festgeschrieben hat.