Boris Johnson wirkt stets, als käme er direkt aus dem Pub. Die Haare wirr, das Hemd nicht ordentlich in der Hose, kann es ihm passieren, in einen Teich zu fallen oder, verzweifelt nach einer Leiter rufend, auf einer Seilbahn hängen zu bleiben. Und dennoch: Der ehemalige Bürgermeister Londons und Ex-Außenminister ist der klassische Tory-Premier. In eine Familie aus der Oberschicht geboren, besucht er die Tory-Kaderschmieden Eton und Oxford. In der berühmten Studentenverbindung Bullington Club lernt er zu debattieren - wobei es nicht um Inhalte geht, sondern darum, sein Gegenüber möglichst wortgewandt herunter zu putzen.

Um Inhalte geht es auch vor den Unterhauswahlen am kommenden Donnerstag kaum. "Den Brexit liefern", das ist, mantraartig wiederholt, das zentrale Versprechen Johnsons. Dabei wird es Jahre dauern, bis der EU-Austritt wirklich vollzogen ist: Vorgesehen ist eine Übergangsphase von mindestens einem Jahr, in der vorerst alles bleibt, wie es ist. Doch Johnson hat sich noch nie mit lästigen Details aufgehalten. Seine Lügen haben ihn weit gebracht.

Schwere Jahre in Brüssel

Im Jahr 1973, Alexander Boris de Pfeffel Johnson ist neun Jahre alt, zieht die Familie nach Belgien. Kurz zuvor war das Vereinigte Königreich der Europäischen Gemeinschaft beigetreten, Vater Stanley war einer der ersten britischen Beamten der Europäischen Kommission. Für Boris sind die Jahre in Brüssel nicht einfach. Zwar lernt er schnell, fließend Französisch zu sprechen (später, als EU-Korrespondent für den "Daily Telegraph", wird er absichtlich einen britischem Akzent aufsetzen), doch spielen sich in diesen Jahren familiäre Dramen ab. Johnsons Vater hat zahlreiche Affären, die Mutter erleidet einen Nervenzusammenbruch, Boris und seine drei Geschwister kommen ins Internat.

Entwickelt Boris schon damals eine Abneigung gegen Europa? Man weiß es nicht. Sicher ist: Mehr als vierzig Jahre später wird er zum maßgeblichen Architekten des Brexit. Vor dem EU-Referendum von 2016 verbreitet er eifrig Unwahrheiten. Die Behauptung, London überweise der EU jede Woche 350 Millionen Pfund, die nach dem Brexit an den nationalen Gesundheitsdienst NHS gehen würden, lässt er sogar auf einen Bus drucken und tourt damit durchs Land. Dabei ist bis heute unklar, ob Johnson den Brexit überhaupt wollte. Viele glauben, dass das Ergebnis des Referendums ihn überrascht hat, in den Tagen danach wirkt er ratlos. Nach dem Rücktritt David Camerons will Johnson Premier werden, muss aber schließlich Theresa May das Feld überlassen.