Die neuen SPD-Chefs enden abrupt. Norbert-Walter Borjans beschwört die Solidarität zwischen den Genossen, inklusive Dank für seinen unterlegenen Vorsitz-Rivalen Olaf Scholz. Der 67-Jährige lobt noch das riesige Rosen-Symbol auf der Bühne, dann nehmen Saskia Esken und er ihre Papiere vom Pult und verlassen die Bühne. Die Delegierten merken kaum, dass jetzt der Moment für den Schlussapplaus wäre.

Wohin die neue Führung die Partei steuert, zeichnet sich erst in Umrissen ab. Als der Parteitag vorbei ist, versichert Esken: "Wir wollen nicht Pressesprecher von Angela Merkel sein, wir wollen auch nicht Pressesprecher von Annegret Kramp-Karrenbauer sein." Ob ihre bald startenden Gespräche mit CDU/CSU die letzte Schlacht der Regierungskoalition werden?

Positionen zwischen SPD und CDU/CSU sehr unterschiedlich

In der SPD zweifeln so manche, dass die neuen Vorsitzenden schon einen Plan haben, was sie nun konkret von der Union wollen. Die Delegierten fordern die perspektivische Überwindung der Schuldenbremse - darüber mit Merkel, Kramp-Karrenbauer und CSU-Chef Markus Söder zu verhandeln, dürfte aber wenig bringen. Die Positionen sind zu unterschiedlich.

Trotzdem dürften die geforderten neuen Milliardeninvestitionen des Staats zu einem der größten Streitpunkte werden. "Da muss sich was bewegen", sagt Esken. Aber dafür eine Abkehr von der schwarzen Null? Und dazu ein Mindestlohn von 12 Euro und eine Vermögensteuer? Die Delegierten beschließen reihenweise Dinge, die für SPD pur stehen. Was wollen Esken und Walter-Borjans davon in der Koalition durchsetzen?

Dem Duo fehlten Erfolgskriterien und ein klarer Zeitplan, heißt es in der Bundestagsfraktion. Esken lässt durchblicken, dass sie sich ihre Reaktion auf erwartbare Gegenforderungen der Union noch nicht überlegt habe: "Ich habe schon gehört von einer Unternehmensteuerreform, über die man dann sprechen muss. Das lassen wir auf uns zukommen."

Spekulationen über Scheitern des neuen Führungs-Duo

Andere spekulieren sogar schon über ein mögliches Scheitern des Duos. Schließlich müssten sie schon aus Gründen der Glaubwürdigkeit neue Erfolge für die SPD in der Regierung erzielen - oder gegen das gesamte SPD-Establishment einen Koalitionsausstieg provozieren. Da dürfte es Esken und Walter-Borjans in die Hände spielen, dass einiges vom programmatischen und emotionalen Kern des Parteitags sogar recht schnell Realpolitik werden kann. Es ist die erwünschte Abkehr von Gerhard Schröders ungeliebter Agenda 2010, von Hartz IV. Denn: Eigentlich fordern die Sozialdemokraten eher eine Umbenennung und Entschärfung von Hartz. Beim erwünschten Bürgergeld soll es vor allem viel weniger Sanktionen bei Pflichtverletzungen geben.