Auf einer Unterlage aus Wintermänteln, zugedeckt mit einer Weste, schläft ein Vierjähriger auf dem Boden eines Krankenhauses, neben ihm eine Sauerstoffmaske. Die Rettung hatte den kleinen Jack mit Blaulicht ins Spital in Leeds gebracht, der Verdacht: Lungenentzündung. Doch in der Kinderambulanz war kein Bett frei, Jack und seine Mutter mussten auf dem Gang warten.

Das Foto, aufgenommen von der verzweifelten Mutter, ist ein Sinnbild für den miserablen Zustand des staatlichen Gesundheitssystems NHS - und ein PR-Problem für Premier Boris Johnson. Als ihn ein Reporter des Fernsehsenders ITV mit dem Bild konfrontieren will, nimmt Johnson ihm das Handy aus der Hand und steckt es in seine Tasche. Auf die Fragen des Journalisten geht er nicht ein, sondern spricht lieber über den Brexit. Erst nach dem Protest des Journalisten gibt Johnson das Handy zurück und entschuldigt sich: "Ein schreckliches, schreckliches Foto."

Medien helfen den Tories

Neben dem Brexit ist das NHS das zweite große Thema bei den Unterhauswahlen am Donnerstag. Sowohl Johnsons konservative Tories als auch die Labour-Partei versprechen, mehr Geld ins Gesundheitssystem zu investieren. Nach Jahrzehnten der Austerität ist das einst so vorbildliche NHS am Ende. Für Jack ist die Sache glimpflich ausgegangen. Er hatte eine Mandelentzündung, die schließlich, nach sieben Stunden Wartezeit, behandelt wurde. Doch für viele andere endet die Wartezeit im Krankenhaus tödlich.

Laut einem Bericht von NHS-Ärzten sind 5449 Menschen seit 2016 gestorben, weil sie zu lange in Notfallaufnahmen warten mussten. Je länger die Wartezeit, desto höher sei die Wahrscheinlichkeit, nicht mehr lebend aus dem Krankenhaus zu kommen: In den ersten sechs Stunden stirbt einer von 83, nach neun Stunden einer von 31 Patienten.

Die führende britische Patientenvereinigung gab sich gegenüber dem "Guardian", der die Ergebnisse der Analyse am Dienstag vorab veröffentliche, "zutiefst schockiert" und machte die Unterfinanzierung des NHS für die Toten verantwortlich.

Tatsächlich ist der Zustand des NHS eine direkte Folge der Sparpolitik. Überall fehlt es an Ressourcen, an Betten, Ärzten und Pflegepersonal. Krebspatienten müssen sechs Monate auf eine Therapie warten. "Es ist kein Zufall, dass das Vereinigte Königreich eine der niedrigsten Überlebensraten für Krebspatienten in Europa hat", sagt die Politologin Eunice Goes von der Richmond University in London. Die hohen Todesraten lägen an einer Kombination aus Sparmaßnahmen und der Verwaltung des NHS - die Kostenfrage rückte immer mehr in den Vordergrund. "Die Sparpolitik fing in den 1980ern mit Margaret Thatcher an, aber auch die Labour-Regierungen haben nichts dagegen unternommen."