In Großbritannien haben am Donnerstagmorgen die Parlamentswahlen begonnen. Zum dritten Mal in vier Jahren können die Briten über die Zusammensetzung der 650 Sitze im Unterhaus entscheiden. Die Wahllokale haben bis 22.00 Uhr (Ortszeit, 23.00 Uhr MEZ) geöffnet.

Unmittelbar danach wird eine Prognose im Auftrag der Fernsehsender BBC, ITV und Sky News veröffentlicht. Bei vier von fünf Wahlen seit der Jahrtausendwende lagen die Prognosen grundsätzlich richtig.

Doch die letzten Umfragen vor den Wahlen in Großbritannien am Donnerstag haben für neue Ungewissheit gesorgt. Demoskopen halten zwar einen Sieg der regierenden Konservativen für wahrscheinlich, schließen aber nicht mehr aus, dass Premier Boris Johnson die absolute Mehrheit im Unterhaus knapp verfehlt.

Bereits in den vergangenen Tagen hatte sich der beträchtliche Abstand zwischen den Tories und der oppositionellen Labour Party in mehreren Umfragen leicht verringert. Wachsende Sorge in der Bevölkerung um die Zukunft des schwer angeschlagenen nationalen Gesundheitswesens (NHS) hat der Regierung kurz vorm Wahltag zu schaffen gemacht. Eine Voraussage des YouGov-Instituts, das den Wahlausgang von 2017 recht genau prophezeit hatte, sprach von einer möglichen Mehrheit von 28 Sitzen für Johnsons Tories, hielt es aber auch für denkbar, dass sie am Ende ganz um ihre Mehrheit kommen.

Jeremy Corbyns Labour-Partei könnte von "taktischem Wählen" profitieren. - © APAweb /reuters
Jeremy Corbyns Labour-Partei könnte von "taktischem Wählen" profitieren. - © APAweb /reuters

"Taktisch Wählen" gegen Tories

Nur in rund einem Dutzend der insgesamt 650 Wahlkreise bräuchte es ein unerwartetes Ergebnis zugunsten der Opposition, und Johnson stünde erneut ohne klares Mandat und ohne parlamentarische Basis da. Zustande kommen könnte das durch "taktisches Wählen" im proeuropäischen Lager: Wähler, die einen Premier Johnson verhindern wollen, einigen sich innerhalb ihres jeweiligen Wahlkreises auf jenen Oppositions-Kandidaten, der die besten Aussichten hat, den konservativen Kandidaten aus dem Feld zu schlagen.

- © APAweb /Adobe Stock/WienerZeitung
© APAweb /Adobe Stock/WienerZeitung

Ob es in vielen Wahlkreisen zu solchen Manövern kommt, ist allerdings nicht abzuschätzen. Außerdem macht das britische Mehrheits-Wahlrecht, das den Kandidaten mit den meisten Stimmen in seinem Wahlkreis ins Parlament schickt, jede Vorausberechnung schwierig.

Labour hat Wähler verschreckt

Großbritannien wählt und es regnet

YouGov sah die Tories jedenfalls bei 43 Prozent und Labour bei 34. Den Liberaldemokraten gab das Institut zwölf Prozent. In Schottland erwartete es ein gutes Abschneiden der Schottischen Nationalpartei (SNP).

Labour-Chef Jeremy Corbyn appellierte am Mittwoch noch einmal an die Wähler, den Donnerstag dazu zu nutzen, Boris Johnson aus der Macht zu hebeln. Es bleibe gerade noch Zeit bis zur Schließung der Wahllokale am Donnerstagabend um 22 Uhr Ortszeit, sagte Corbyn, um eine Demontage des NHS durch die Tories zu verhindern - und einen harten Brexit abzuwenden. In einer besonders starken Position befindet sich Corbyn freilich nicht. Seine Erwartung, die Konservativen im Wahlkampf einzuholen, hat sich nicht erfüllt: Labour blieb fast die gesamte Zeit über deutlich - im Schnitt mit zehn Prozentpunkten - hinter den Tories.