Boris Johnson war noch nie ein Mann der Zurückhaltung. Man kennt das schon: Ein Premier, der sich vor Medienauftritten absichtlich die Haare zerrauft, der Journalisten das Handy wegnimmt, um keine unangenehmen Fotos sehen zu müssen. Als Außenminister hat er sich bei Auslandsbesuchen regelmäßig blamiert, in Myanmar ein rassistisches Gedicht rezitiert, beim Rugby-Match in Japan einen Zehnjährigen niedergeworfen. Damals hatte Johnson noch behauptet, eher als Olive wiedergeboren als Premier zu werden.

Doch sein unkonventionelles Verhalten während des Wahlkampfs und davor hat Johnson nicht geschadet, im Gegenteil: Bei den Wahlen am Donnerstag konnten seine konservativen Tories die absolute Mehrheit zurückerobern. 365 Mandate haben sie gewonnen, das ist ein Plus von 67 Sitzen. Die oppositionelle Labour-Partei erreichte mit 203 Sitzen (minus 42) das schlechteste Ergebnis seit 1935. Die Tories haben die "Rote Wand" Labours durchbrochen und viele traditionelle Arbeitergebiete vom Nordosten Wales‘ über den Norden Englands bis in die Midlands für sich gewonnen. Einige Sitze sind zum ersten Mal seit 100 Jahren wieder konservativ. Als alter Linker hat Labour-Chef Jeremy Corbyn die Wähler verschreckt, viele blieben daheim oder verschenkten ihre Stimme an die Brexit Party von Nigel Farage. Noch vor zwei Jahren wurde Corbyn als großer Hoffnungsträger von einer linken Massenbewegung gefeiert, junge Menschen liefen Labour in Scharen zu. Heute ist der Parteichef Geschichte.

- © APAweb / Martin Hirsch
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Labour muss aus der Niederlage schmerzhafte Lehren ziehen: Die Linkswende nach dem wirtschaftsliberalen "Dritten Weg" der Blair-Jahre hat nicht funktioniert. Corbyn hat zu sehr polarisiert, viele meinen, dass Labour die Wahlen mit einem anderen Kandidaten gewonnen hätte. Am Ende war es aber wohl der schlingernde Brexit-Kurs Corbyns, ihn viele Stimmen kostete.

Radikaler Umbau der Tories

Im Gegensatz zum unklaren Corbyn zog Johnson seine riskante Strategie beinhart durch: Mit seiner populistischen Taktik und dem radikalen Umbau der konservativen Tories zu einer Partei der Extremen hat Johnson erreicht, was er wollte: Den Brexit kann er nun durchziehen, komme, was wolle. Johnson halfen freilich auch die Schwächen seines Gegners. Ausschlaggebend dürften aber die klaren Botschaften gewesen sein – und die Unterstützung der Medien, die diese oftmals unhinterfragt verbreiteten.