Mit seiner populistischen Taktik und dem radikalen Umbau der Tories zu einer kompromisslosen Brexit-Partei hatte Johnson Erfolg: Nach den Wahlen muss er sich weder mit dem Parlament noch mit den Flügeln in seiner Partei herumschlagen. Die satte Absolute erlaubt es ihm, seinen Brexit-Deal durchs Unterhaus zu bringen und sein Land am 31. Jänner aus der EU zu führen.

Die Hoffnung proeuropäischer Briten, den Brexit doch noch zu verhindern, ist damit dahin. Erledigt ist die Sache aber noch lange nicht: Der Brexit ist nicht das Ende, sondern der Beginn einer langen, anstrengenden Abnabelung.

Johnson will bis zum Ende der Übergangsfrist im Dezember 2020 ein Handelsabkommen mit der EU vereinbaren - ein denkbar unwahrscheinliches Szenario. Der Tory-Traum vom "Singapur an der Themse", einem marktradikalen Wirtschaftsmodell für Großbritannien, wird sich zudem kaum mit einem Handelsabkommen vereinbaren lassen: Ohne lästige EU-Vorschriften um die Welt segeln und gleichzeitig weiterhin Zugang zum Binnenmarkt haben, das geht sich nicht aus. Im schlimmsten Fall gibt es in einem Jahr kein Handelsabkommen und auch keine Verlängerung der Übergangsphase. Damit wären die alten Probleme zurück: ein Bruch der Beziehungen zwischen Großbritannien und der EU mit schweren Folgen für die Wirtschaft, Unsicherheiten für Bürger und die Gefahr einer Grenze in Irland.

Little Britain auf Raten

Ein böses Erwachen könnte es auch für die Konservativen geben, denn mit dem Brexit steht nicht weniger als der Zusammenhalt des Vereinigten Königreichs auf dem Spiel. Der Wahlsieg der Tories ist, wie auch der Brexit, ein englisch-walisisches Projekt: Weder in Nordirland noch in Schottland gab es eine Mehrheit für den EU-Austritt. Weder da noch dort unterstützt eine Mehrheit Johnson und seine Verbündeten.

In Schottland hat die nationalistische SNP in 48 von 59 Wahlkreisen gewonnen - ein Plus von 13 Sitzen. Mit diesem klaren Mandat wird Parteichefin Nicola Sturgeon künftig noch lauter ein Unabhängigkeitsreferendum für Schottland fordern.

Der Sieg der Tory-Brexiteers befeuert nicht nur schottische Sezessionsbestrebungen. Ein harter Bruch mit der EU wird auch in Nordirland die Frage aufwerfen, ob man in der Republik besser aufgehoben ist. Das Wahlergebnis in der britischen Provinz scheint das zu bestätigen: Zum ersten Mal seit der Teilung Irlands vor hundert Jahren haben die Nordiren mehr Republikaner ins Unterhaus gewählt als probritische Unionisten. Eine Wiedervereinigung mit Irland mag in weiter Ferne liegen. Durch die Wahlen und Johnsons harten Brexit-Kurs ist sie ein Stück näher gerückt.

Große Verluste für ERG

In Nordirland sind die ehemaligen Tory-Verbündeten von der DUP der größte Verlierer. Die probritischen Unionisten büßen zwei ihrer zehn Sitze ein. Parteivize und DUP-Chef im Unterhaus Nigel Dodds scheiterte in seinem Wahlkreis am Kandidaten der irisch-nationalistischen Sinn Féin.

Johnson hat seine ehemaligen Freunde in Nordirland verloren, doch das kümmert ihn nicht. Mit seiner satten Mehrheit ist der Premier nicht mehr auf Verbündete angewiesen. Das gilt auch für die unterschiedlichen Flügel in der Tory-Fraktion. So haben die Hardliner von der "European Research Group" (ERG), eine Art Partei innerhalb der Partei, signifikant an Einfluss verloren.

Manche Beobachter meinen nun, Johnson könnte umschwenken und doch noch eine sanftere Version des Brexit anstreben. Zuzutrauen wäre es ihm, Johnson ist mehr Opportunist als Ideologe. Als Bürgermeister von London hat er für den Brexit gekämpft, das Ergebnis des Referendums dürfte ihn aber überrascht haben. Ob er den EU-Austritt überhaupt wollte, ist bis heute unklar.