"Wir geben ein Vermögen für Taxis aus", klagt Stuart. Der Tourist aus den USA hat seiner Frau Mary zum Geburtstag eine Überraschungsreise nach Paris geschenkt. Und nun das: Geschlossene Metros und Museen, aggressive Autofahrer und genervte Passanten. Die "Stadt der Liebe" zeigt sich nach zweiwöchigen Protesten gegen die französische Pensionsreform wenig verführerisch.

"In Italien dauern Streiks normalerweise einen Tag - aber die Franzosen sind dickköpfiger als wir", sagt Matteo Soso, der seinen Reisekoffer hinter sich herzieht. Am Pariser Nordbahnhof verkehren keine Metros und die Busse sind überfüllt, deshalb hat sich der Italiener zu einem Fußmarsch in sein Hotel in Montparnasse entschieden. Das sind ganze sechs Kilometer.

Paris ist keine Reise wert? Trotz Streiks und Protesten sehen das viele Touristen anders. Vor der Kathedrale Notre-Dame, die seit dem Großbrand im April für Besucher geschlossen ist, machen Asiaten Selfies. Das wilde Gehupe der im Stau stehenden Autos nebenan scheint ihnen nichts auszumachen.

An der Seine-Uferstraße fährt eine Gruppe niederländischer Touristen auf Elektro-Tretrollern vorbei. "Das ist der einzige Weg, um vorwärts zu kommen", sagt der 22-jährige Student Joel. "Wir haben von den Streiks in allerletzter Minute erfahren, unsere Reise war bereits gebucht", erzählt er. "Wir haben trotzdem unseren Spaß." Attraktionen wie Eiffelturm und Louvre sind schließlich geöffnet.

Wenig amüsiert sind dagegen die Bewohner von Paris, die bereits seit zwei Wochen täglich neu zusehen müssen, wie sie zur Arbeit oder zur Universität kommen. "Es ist ein unfassbarer Druck, wenn man zur Prüfung muss", sagt die deutsche BWL-Studentin Pauline. Die 21-Jährige aus Bamberg macht ein Erasmus-Semester an der Universität Paris-Dauphine, aber ihr Studentenwohnheim liegt gut sechs Kilometer entfernt in einem Vorort. Die Examen finden trotz Streiks statt.

Vor wenigen Tagen sei sie für eine zweistündige Prüfung acht Stunden unterwegs gewesen, erzählt die Studentin: Per Leihfahrrad, einem überteuerten Uber-Auto und wegen der Staus schließlich zu Fuß. "Zu Weihnachten versuche ich, irgendwie nach Hause zu kommen", sagt sie. Vorsichtshalber hat sie neben ihrem ICE auch noch einen Bus nach Frankfurt gebucht.

Auch andere müssen auf alternative Verkehrsmittel ausweichen. Die Projektmanagerin Bérengère Colas fährt trotz Wind und Regen mit dem Rad zur Arbeit. "Jeder glaubt, er sei bei der Tour de France: Die Leute machen riskante Überholmanöver, um als erste bei Grün loszukommen", berichtet die 30-Jährige.

"Schubsen Sie mich nicht, sonst haue ich", ruft die 57-jährige Evelyne Bonfill, die am Nordbahnhof in einen der wenigen noch verkehrenden Vorortzüge steigen will. "Normalerweise gibt es zwischen meinem Wohnort und der Arbeit eine Direktverbindung", sagt die resolute Verwaltungsangestellte. "Jetzt muss ich viermal umsteigen. Ich habe das Gefühl, eine Weltreise zu machen."

Besinnliche Adventsstimmung ist in Paris derzeit Mangelware. Die Einzelhändler befürchten erneut massive Umsatzeinbußen - wie bereits vor einem Jahr während der gewaltsamen "Gelbwesten"-Proteste. Der Hotelverband verzeichnet rund ein Drittel weniger Buchungen, Restaurants bis zu 50 Prozent weniger Kunden.

Erste Gewerkschaften drohen bereits mit einer Fortsetzung der Streiks über die Weihnachtstage. Die französische Regierung nennt es zwar "unverantwortlich", den Menschen den Besuch bei ihrer Familie zu verhageln. Aber die Streikenden sitzen am längeren Hebel. (afp)