Griechenlands Ministerpräsident Kyriakos Mitsotakis hat Deutschland angesichts der dramatischen Lage auf der Insel Lesbos zur Aufnahme von weiteren Flüchtlingen gedrängt. Mitsotakis bejahte die Frage, ob Deutschland direkt Flüchtlinge aus Lesbos aufnehmen sollte, in der "Bild am Sonntag". Die Idee des Dublin-Abkommens laute, dass "ein Teil der Asylantragsverfahren in anderen Ländern durchgeführt wird."

Der Ministerpräsident forderte eine Änderung des Dublin-Verfahrens: "Wir müssen einen europäischen Asyl- und Migrationspakt entwickeln, wie ihn die EU-Kommission versprochen hat, und im Umgang mit diesem Problem benötigen wir mehr Lastenteilung."

Der griechische Ministerpräsident sieht die Grenzen der Kapazität erreicht: "Wir nehmen 400 bis 500 Menschen pro Tag auf." Zudem seien viele der Menschen, die in Griechenland derzeit auf den Inseln ankommen, nicht asylberechtigt. "Jeder sollte sich darüber im Klaren sein, dass viele keine Flüchtlinge sind", so Mitsotakis, "sie sind Wirtschaftsmigranten." Er forderte auch, "ein deutliches Signal an die Schmuggler und Netzwerke" zu senden. "Wenn ihr kommt und wisst, dass ihr keinen Anspruch auf internationalen Schutz habt, seid euch dessen bewusst, denn wir werden euch zurückschicken."

"Abkommen mit der EU wird von der Türkei nicht mehr eingehalten"

Der griechische Ministerpräsident verteidigte sich gegen Kritik, dass die Lage in Lesbos und anderen griechischen Inseln für Flüchtlinge unzumutbar sei: "Wir machen viel, um mit diesem großen Problem umzugehen." Es sei aber sehr deutlich geworden, "dass das Abkommen zwischen der EU und der Türkei - das fast zweieinhalb Jahre lang recht gut funktioniert hat - momentan von der Türkei nicht mehr eingehalten wird".

Zum Höhepunkt der Flüchtlingskrise 2015 und 2016 setzten täglich tausende Menschen von der türkischen Küste nach Lesbos und anderen griechischen Ägäis-Inseln über. Seit dem EU-Flüchtlingsabkommen zwischen der Türkei und der Europäischen Union im März 2016 ist die Zahl der Neuankömmlinge auf den Inseln deutlich zurückgegangen. Seit einiger Zeit erreichen allerdings wieder mehr Menschen über die Ägäis Europa.

Überfüllte Registrierlager im Osten der Ägäis

Die Registrierlager auf den griechischen Inseln im Osten der Ägäis sind überfüllt. In und um die Camps von Lesbos, Chios, Samos, Leros und Kos leben nach Angaben des griechischen Ministeriums für Bürgerschutz rund 39.000 Menschen. Platz haben die Camps für rund 7500 Menschen. Der Chef des UN-Flüchtlingshilfswerks (UNHCR), Filippo Grandi, hatte kürzlich nach einer Inspektion des Lagers auf Lesbos die Lage dort als katastrophal bezeichnet.

Die neue EU-Innenkommissarin Ylva Johansson hatte eine Reform der EU-Asylpolitik als dringend notwendig bezeichnet. Laut einem Bericht der "Welt am Sonntag" forderten 40 Abgeordnete aus mehreren Ländern an die neue EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen, sich für die Errichtung von Asylzentren an Europas Außengrenzen einzusetzen. Dort sollten Asylsuchende "direkt in ein Asylverfahren gehen und im negativen Fall direkt von dort wieder zurückgeschoben werden", heißt es in einem Schreiben der Parlamentarier an von der Leyen, das der Zeitung vorliegt. Anerkannte Flüchtlinge sollen aus den Zentren auf die EU-Staaten verteilt werden. (apa/afp/dpa)