Es war ein denkwürdiger Moment, als der britische EU-Botschafter Tim Barrow am 29. März 2017 das Kuvert mit dem knapp sechsseitigen Schreiben an den damaligen EU-Ratspräsidenten Donald Tusk übergab. Und vor allem auf britischer Seite waren die Hoffnung damals groß, dass nach der offiziellen Überreichung des Austrittsgesuchs auch die Trennung halbwegs rasch über die Bühne gebracht werden könnte.

Doch auf den kurzen Brief folgte ein langer Abschied. So verhandelten Großbritannien und die EU nicht nur in unzähligen Sitzungen erfolglos über die Modalitäten des Austritts. Die Brexit-Wirren kosteten auch Theresa May das Amt der Premierministerin und stürzten das Vereinigte Königreich zuletzt sogar in eine handfeste verfassungsrechtliche Krise.

Mit Freitag ist allerdings auch die letzte Hürde für den Austritt der Briten aus der EU aus dem Weg geräumt worden. Das Unterhaus in Westminster billigte den mit Brüssel ausgehandelten Trennungsvertrag, der in London zuvor mehrfach durchgefallen war und den Brexit damit verzögert hatte. 358 Abgeordnete stimmten nun in der zweiten Lesung für die entsprechenden Ratifizierungsgesetze, 234 dagegen.

Die weiteren Stufen im Gesetzgebungsverfahren sollen nun im Jänner vollzogen werden. Doch das gilt beinahe als Formalie, denn nach dem überwältigenden Wahlsieg von Premierminister Boris Johnson hat die Opposition keine Möglichkeiten mehr, ihm Steine in den Weg zu legen. Auch vom Oberhaus, das dem Gesetz zustimmen muss, wird kein Widerstand erwartet.
Kritik am straffen Zeitplan
Der Deal bahne den Weg zu einem neuen Abkommen über die künftige Beziehung mit der EU, basierend auf einem ambitionierten Freihandelsabkommen "ohne Bindung an EU-Regeln", sagte Johnson während der Debatte.

Bei der Opposition weckte der Premier damit allerdings Befürchtungen, die konservativen Tories könnten das Land auf ein dereguliertes Wirtschaftsmodell nach US-Vorbild zusteuern.

Für Kritik sorgte vor allem die Absage an eine mögliche Verlängerung der Übergangsfrist nach dem Brexit, die in dem Gesetzentwurf festgelegt ist. London und Brüssel haben nun nur bis Ende 2020 Zeit, um ein Anschlussabkommen samt Freihandelsvertrag auszuhandeln. Die Option eines harten Brexit, bei dem über Nacht Zölle eingeführt werden müssten und Großbritannien und die EU auf das Handelsregime der WTO zurückgeworfen wären, ist damit auch dreieinhalb Jahre nach dem britischen Austrittsreferendum, noch immer nicht vom Tisch.
"Ein schrecklicher Deal"
Der Chef der oppositionellen Labour-Partei, Jeremy Corbyn, bezeichnete Johnsons mit Brüssel nachverhandelten Deal als "schrecklich" und schädlich für das Land. Die britischen Sozialdemokraten befürchten unter anderem eine Absenkung der Standards für Arbeitnehmerrechte und negative Folgen für Nordirland. Der Brexit werde großen Einfluss auf die Wirtschaft und Gesellschaft des britischen Landesteils haben, warnte Corbyn.

In der Parlamentsdebatte hatte Johnson zuvor dafür geworben, die Spaltung des Landes zu überwinden und nach vorne zu schauen. Großbritannien müsse zusammenstehen und ein neues Kapitel aufschlagen, sagte der Premier: "Nächstes Jahr wird ein großartiges Jahr für unser Land."