Bei der kroatischen Präsidentenwahl ist vor der Stichwahl am 5. Jänner alles offen. Trotz seines Siegs in erster Wahlrunde geht der sozialdemokratische Ex-Premier Zoran Milanovic in das Duell mit Amtsinhaberin Kolinda Grabar-Kitarovic nicht als Favorit. Die konservative Kandidatin kann in der zweiten Runde wiederum nicht selbstverständlich mit Einigkeit des gespaltenen rechten Lagers rechnen.

Die erste Runde endete am Sonntag mit knappen Ergebnissen. Milanovic gewann mit hat 29,6 Prozent vor Grabar-Kitarovic mit 26,7 Prozent. Der Unterschied zwischen ihnen beträgt 55.000 Stimmen. Die aktuelle Präsidentin konnte auch nur mit geringem Vorsprung den populären Folk-Popsänger Miroslav Skoro, der sich außen rechts positioniert hat, für den Einzug in die zweite Runde schlagen. Der unabhängige Rechtsnationalist bekam 24,5 Prozent der Stimmen.

In der Stichwahl wird es keine klaren Favoriten geben. Entscheidend wird sein, wer von den beiden Bewerbern erfolgreicher die Wähler mobilisieren kann. Milanovic, Kandidat der oppositionellen Sozialdemokraten (SDP), muss laut Analysten einerseits jene Wähler mobilisieren, die an diesem Sonntag zu Hause geblieben sind. Die Wahlbeteiligung lag bei 51,20 Prozent. Anderseits wird er auch diejenigen Bürger überzeugen müssen, die in der ersten Runde gegen die Präsidentin gestimmt haben.

Fischen in verschiedenen Teichen

Aus dem Lager der linken und liberalen Wählerschaft, die in der ersten Runde andere Präsidentschaftskandidaten unterstützten, gibt es noch einige Stimmen zu holen. Für Milanovic stimmten am Sonntag fast 563.000 Wähler, für Grabar-Kitarovic rund 508.000. Um die Präsidentenwahl in Kroatien zu gewinnen, braucht man normalerweise mehr als eine Million Stimmen.

Die große Frage aber ist, wie sich die rund 456.700 Wähler verhalten werden, die in der ersten Runde Skoro wählten. Grabar-Kitarovic kann laut Analysten nicht selbstverständlich mit diesen Wähler rechnen, auch wenn es eine ideologische Nähe gibt. Viele dürften zwar die Kandidatin der regierenden konservativen HDZ-Partei unterstützen, allerdings nicht alle. Unter Skoros Wähler gibt es auch viele, die mit der gemäßigten Linie der HDZ unter dem Partei- und Regierungschef Andrej Plenkovic unzufrieden sind. Diese könnten in der zweiten Runde zu Hause bleiben.

Am Wahlabend appellierte die Präsidentin explizit an Skoros Wähler um Unterstützung, auch aus HDZ-Reihen kamen nach dem erbitterten Kampf im rechten Lager versöhnliche Töne. Von Skoro kann Grabar-Kitarovic für die zweite Runde keine Unterstützung erwarten. Er plant nämlich zusammen mit rechtsradikalen und ultrakonservative Parteien, die ihn in der Präsidentenkampagne unterstützten, die jetzt gewonnene Wählerzustimmung bei der Parlamentswahl im nächsten Jahr einzulösen.

Man könne sich schlecht vorstellen, dass Skoro bei solchen Plänen die HDZ-Kandidatin unterstützen würde, betonten Politikexperten. In dem Kampf im rechten Lager ging es nämlich nicht nur um das Präsidentenamt, sondern auch um einen Machtkampf innerhalb der HDZ, deren nationalistische Flügel seit längerem Plenkovic destabilisieren möchte.

Angeschlagene Amtsinhaberin

Milanovic geht in die zweite Wahlrunde trotz des knappen Siegs mit einem psychologischen und politischen Vorsprung. In der ersten Runde konnte er vom Kampf im rechten Lager profitieren, indem er sich nicht in nationalistische Diskussionen der beiden Rechtskandidaten hineinziehen ließ, meinen Analysten. Niemand hat allerdings damit gerechnet, dass er die erste Runde gewinnen würde.

Die Präsidentin, die vor der ersten Runde nach übereinstimmender Meinung von Experten eine schlechte Kampagne mit zu vielen Pannen führte, geht in die Stichwahl angeschlagen. Ihre Favoritenrolle als Amtsinhaberin konnte sie nicht einlösen. Dass sie nur von rund einem Viertel der Bürger positiv bewertet wurde und als zweite in die zweite Runde einzieht, wird als Ohrfeige gedeutet.

Als größter Verlierer der ersten Runde gilt Skoro, obwohl er das beste Resultat eines drittplatzierten Kandidaten bei allen bisherigen Präsidentenwahlen in Kroatien verzeichnen konnte. Er war laut Analysten einem Erfolg zum Greifen nah gewesen und verpatzte es am Ende doch. Einerseits war es die falsche Strategie gewesen, sich am rechten Rand einzugraben und nicht als Unabhängiger auch Wähler aus dem ganzen politischen Spektrum anzusprechen, lauteten die Kommentare. Er scheiterte auch damit, sich als ein schwergewichtiger Politiker zu präsentieren: Bei der einzigen Debatte vor den Fernsehkameras gab der erfahrene Entertainer einen überraschend katastrophalen Auftritt ab. (apa)