Franz Fischler (ÖVP),
erster EU-Kommissar Österreichs

"Mir ist es als Agrarkommissar mit der Agenda 2000 gelungen, die ländliche Entwicklung aufzubauen und durchzusetzen. Ich wollte auch im größten Sektor, dem Milchbereich, eine Reform erzielen. Diese hat Herr Chirac (der damalige Präsident Frankreichs) kaputt gemacht. Aber der Europäische Rat hat eine Überprüfung zur Halbzeit festgeschrieben, und daraus ist dann 2003 die größte EU-Agrarreform entstanden. Mittlerweile sind die Exportsubventionen abgeschafft, der Außenschutz ist normalisiert, die Direktzahlungen sind einkommensbezogen.

Alois Mock hat die Brückenfunktion (Österreichs) immer propagiert. Wir haben diese Rolle aktiv gespielt, solange Mock Außenminister war, und dann nicht mehr. Angesichts der Situation mit den Visegrad-Ländern und am Balkan nach der Erweiterungsblockade könnte man erwarten, dass Österreich auf der diplomatischen Ebene wieder eine stärkere Vermittlerrolle spielt."

Madeleine Petrovic,

Ex-Grünen-Chefin (1994-1996)

"Es ist genau das passiert, was wir damals (vor der Volksabstimmung zur EU-Mitgliedschaft traten die Grünen gegen einen Beitritt ein) befürchtet haben, nämlich, dass die EU primär eine Wirtschaftsgemeinschaft für die Etablierten sein wird. Die grüne Position war kein Nein zur EU, sondern ein Nein zu einem Beitritt ohne dass man versucht, mit den damaligen EFTA-Staaten einen Riegel zu bilden und die EU zu zwingen, stärker auf Umweltpolitik, Sozialpolitik, Menschenrechte zu setzen, weil die EFTA-Staaten als ökologisch fortschrittlich galten, auch Österreich. Mittlerweile kann man das nicht mehr sagen. Wir haben damals auch ein gewaltiges Sterben in der Landwirtschaft vorausgesagt. Das ist passiert, nach wie vor bekommen die Großen das Geld. Nichtsdestotrotz ist es das einzig reale Projekt einer Einigung Europas, die wir dringend brauchen und das daher die grüne Unterstützung verdient. Das ist der Widerspruch, in dem wir bis heute leben."

Wolfgang Schüssel (ÖVP),

ehemaliger Bundeskanzler (2000-2007)

"Wir haben (bei den Beitrittsverhandlungen) einige wirkliche Freunde gehabt. (. . .) Die Franzosen waren von vornherein sehr kühl und haben uns bis zum Schluss bei der großen Feierlichkeit die kalte Schulter gezeigt. (...) Nicht einmal der Ständige Vertreter Frankreichs hat daran teilgenommen, was schon ein Signal war. Wir wussten, dass (der damalige französische Präsident François) Mitterrand erst beim dritten Mal Helmut Kohl nachgegeben und gesagt hat, weil die Deutschen gar so Druck machten, werde er dem Beitritt des ‚dritten deutschen Staates‘ nichts mehr in den Weg legen. Alois Mock hat wirklich alles unternommen, um die Franzosen positiv zu stimmen. Aber es war ihm bei den Verhandlungen nicht einmal möglich, den damaligen Premierminister Jacques Chirac zu erreichen. Er hat sich telefonisch verleugnen lassen. Es war schon sehr bezeichnend, dass die Franzosen uns sehr kühl behandelt haben. Und das hat sich lange gehalten."

Brigitte Ederer (ehemals SPÖ),

Ex-EU-Staatssekretärin, Managerin

"Ohne den EU-Beitritt wäre Österreich heute in der Position Norwegens, aber nicht mit den finanziellen Möglichkeiten und der Eigenständigkeit, die Norwegen durch das Öl hat. Ob die Zulieferindustrie so ausgebaut hätte werden können, wage ich zu bezweifeln. Der Druck hat letztendlich zu einem Modernisierungsschub in Österreich geführt. Denken Sie an die Deregulierung im Telekommunikationsbereich. Ich glaube, dass jetzt mehr Österreicher für den EU-Beitritt stimmen würden als 1994 (damals: zwei Drittel). Der Brexit hat vielen Menschen vor Augen geführt, dass die wirtschaftlichen und politischen Kosten viel höher wären. Er ist im Moment der größte Werber für eine Mitgliedschaft in der Union. (. . .)

Österreich ist weltoffener geworden. Wir sind von einer Insel der Seligen zu einem Land geworden, wo sich die Mehrheit der Menschen bewusst ist, dass wir Teil einer internationalen Gemeinschaft sind."

Interviews: Austria Presseagentur