Die Familie sitzt zur Weihnachtszeit an einem großen Tisch zusammen. Von Onkel Hans bis zur Enkelin Marie, zu den Feiertagen kommen alle zusammen. Das gemeinsame Essen hat Tradition. Ein Kuchen wird als Dessert aufgetischt. Die Familie bleibt aber nicht unter sich. Ali aus dem Irak, Mohammed aus Syrien und Selin aus der Türkei quetschen sich dazu. Sie wollen auch ein Stück vom Kuchen. Die weihnachtliche Harmonie ist verflogen. Am Tisch herrscht plötzlich schlechte Stimmung. Ein Konflikt bahnt sich an.

Die Szene mag auf den ersten Blick irritieren. Der deutsche Politikwissenschafter Aladin El-Mafaalani bedient sich der Metapher mit dem Tisch, um das Phänomen Integration zu erklären. Gelingt sie, führt dies nicht zu weniger, sondern zu mehr Konflikten. Das ist die Kernthese, die er auch in seinem Buch "Das Integrationsparadox" vertritt. "Wenn Menschen mit Behinderung, Frauen, Migranten oder LGBTQI vorher ausgeschlossen waren, dann sind sie nun Teil der Tischgesellschaft. Sie sagen aber nicht, was alle hören wollen, sondern sie vertreten neue Interessen", sagt El-Mafaalani im Gespräch mit der "Wiener Zeitung".

In der "Zeit" wurde Aladin El-Mafaalani einmal als "Anti-Sarrazin" bezeichnet.  - © Igor Ripak
In der "Zeit" wurde Aladin El-Mafaalani einmal als "Anti-Sarrazin" bezeichnet.  - © Igor Ripak

Die Tafel wird also bunter, vielfältiger. Es kommen neue Interessen ins Spiel. "Immer mehr und immer unterschiedlichere Menschen wollen mitmachen. Ihre Teilhabe bedeutet, dass andere teilen müssen", sagt El-Mafaalani. Symbolisch wird nur der Kuchen geteilt. Doch es geht um viel grundlegendere Dinge wie Identität und Heimat. Für die Mehrheit am Tisch wird es anstrengend, übertragen auf die Gesellschaft bedeutet es Stress.

Das Schwierige sei jedoch gar nicht die Größe des Kuchens, sondern seine Rezeptur. Das Rezept spiegle die alte Zusammensetzung der Gesellschaft. "Es ist eine Herausforderung für offene Gesellschaften, weil sich eben so viele Gruppen gleichzeitig einmischen", sagt der promovierte Soziologe.

Harmonie ist ein Trugschluss

El-Mafaalani zieht in diesem Zusammenhang einen historischen Vergleich. Die Gastarbeiter im Deutschland der 1960er- und 1970er-Jahre saßen noch am Boden. Die Kinder dieser Generation haben sich allerdings nach und nach auch an den Tisch gesetzt. "Alle haben die Vorstellung: Wenn Integration gelingt, wird es gemütlich, harmonisch und konfliktfrei." Ein Trugschluss. Denn die Tischgesellschaft werde immer dynamischer, es ändere sich vieles. El-Mafaalani nennt die deutsche Sprache als Beispiel. Sie sei eine "intime Zone" der Gesellschaft. "Die Schönheit der deutschen Sprache basiert auf Unterdrückungsverhältnissen. Wenn wir gendern, geht die ganze Schönheit verloren."