Auf den großen Krach folgte der Pragmatismus. Nachdem der Widerstand gegen Temelin in Österreich einst gar für Grenzblockaden gesorgt hatte, ist es in den vergangenen Jahren eher ruhig um das tschechische Atomkraftwerk geworden. Bei bilateralen Treffen versuchten die Politiker aus Tschechien und Österreich zumeist, dem Thema nicht allzu viel Raum zu geben. Sie betonten zwar, dass sie bezüglich der Atomkraft verschiedener Ansicht seien, sprachen dann aber lieber über gemeinsame Infrastrukturprojekte oder die regen wirtschaftlichen Beziehungen.

Fraglich ist jedoch, ob das so bleibt. Am Donnerstag absolviert Bundeskanzler Sebastian Kurz nach seiner Teilnahme am Gipfel der Visegrad-Staaten (Tschechien, Polen, Slowakei und Ungarn) auch noch ein bilaterales Treffen mit Tschechiens Premier Andrej Babis. Temelin wird dabei Thema sein - und die Zusammenkunft wird erste Auskunft darüber geben, wie diese Debatte weiter verlaufen wird.

Türkis-Grün will Ausbau von Atommeilern verhindern

Kurz führt nun schließlich eine Regierung mit den Grünen an - und in Tschechien wurde die Koalition der ÖVP mit der Ökopartei auch unter dem Aspekt diskutiert, inwieweit künftig der Streit um Atomkraft die Beziehungen belasten würde.


Allzu verunsichert zeigten sich dabei einige tschechische Kommentatoren nicht. Zum Ablehnen der Nuklearenergie "braucht Österreich die Grünen nicht", schrieb etwa die Tageszeitung "Lidove noviny". Es sei vielmehr nationaler Konsens, auch die FPÖ habe immer wieder gegen das AKW Temelin mobilisiert.

Trotzdem könnte das Thema wieder virulent werden: Denn die Energiepolitik ist nicht zuletzt wegen der Klimadebatte stärker in den Fokus der internationalen Aufmerksamkeit gerückt - wovon die Diskussionen zwischen Prag und Wien nicht unberührt bleiben dürften. Zudem plant das Kabinett von Babis, die beiden in der Nähe zur österreichischen Grenze gelegenen Atomkraftwerke Temelin und Dukovany auszubauen. Den Anteil der Nuklearenergie am Strom-Mix will Tschechien bis 2040 auf die Hälfte erhöhen.