Michail Mischustin? Selbst langjährige russische Politbeobachter mussten am Mittwochabend um 19.12 Uhr Moskauer Zeit, als der Name des neuen russischen Premiers erstmals fiel, zunächst einmal googeln: 53 Jahre, Chef der russischen Steuerbehörde, Fachmann für IT und Wirtschaft, politisch bisher nicht in Erscheinung getreten, Eishockey-Fan. Die kremlkritische Journalistin Diana Katschalowa fühlte sich in einem Facebook-Posting gar an den rasanten Aufstieg den jungen Wladimir Putin zum russischen Präsidenten erinnert: Noch Ende Juli 1999 habe auf eine Frage amerikanischer Journalisten, wer denn dem angeschlagenen Boris Jelzin im Präsidentenamt nachfolgen könne, niemand den Namen des damaligen Chefs des Inlandsgeheimdienstes FSB genannt. Knapp darauf war Putin Premier, wurde durch hartes Durchgreifen im Tschetschenienkrieg rasch populär und zog zur Jahrtausendwende in den Kreml ein.

Dass sich der gelernte Systemtechniker und Computer-Fan Mischustin Putins Karriere zum Vorbild nehmen könnte, dass er ähnlich rasant aufsteigen könnte wie der amtierende Präsident, erwartet dennoch kaum jemand - und das nicht nur, weil Kremlchef Putin im Gegensatz zu Jelzin noch mehrere Jahre zu regieren gedenkt. Sondern auch aus anderen Gründen: "Mischustin hat keine politische Hausmacht, ähnlich wie in den Nullerjahren Premierminister Michail Fradkow, der ebenfalls aus der Steuerbehörde kam", sagt Russland-Experte Gerhard Mangott der "Wiener Zeitung". "Er wird von keinem Lager unterstützt, ist ein reiner Technokrat - allerdings ein sehr fähiger: Die Behörde, die ihm zehn Jahre lang unterstellt war, hat er sehr geschickt reformiert und modernisiert", sagt der Politologe.

Mischustins Arbeit galt dort als vorbildlich. Der Vater dreier Kinder regulierte das komplizierte russischen Steuersystem und setzte einige Erleichterungen durch: Die Steuererklärung kann man mittlerweile digital einreichen, Unternehmer, die wenig verdienen, können ihre Steuer auch über das Handy mittels einer App regeln. Die Verbesserung der wirtschaftlichen Situation wird - neben der von Putin angestoßenen Verfassungsreform, die unter anderem der Duma, dem russischen Parlament, mehr Macht geben soll - auch Mischustins Hauptaufgabe als Premier sein. In seiner Rede vor den Abgeordneten, die ihn ohne Gegenstimme als Ministerpräsident bestätigten, kündigte der neue Premier auch Reformen in dem Bereich an: "Das Wichtigste ist, die Schranken für Geschäftsleute abzubauen", sagte Mischustin. Es müsse für ein besseres Geschäftsklima gesorgt werden.