Wer gehofft hat, dass das endlose Ringen um den Brexit sich mit dem vergangenen Wochenende seinem Ende nähert, wer dachte, dass nach dem Scheidungsdrama zwischen Großbritannien und der EU nun nüchterner Pragmatismus Einzug halten würde, der bekam bereits am Montag eine kalte Dusche versetzt. Binnen kürzester Zeit gingen EU-Chefverhandler Michel Barnier und der britische Premierminister Boris Johnson, wenn auch teilweise freundlich verpackt, zueinander auf Konfrontationskurs: Beide gaben sich unnachgiebig, was die anstehenden Gespräche für ein umfassendes Handelsabkommen betrifft. Die Gespräche, die im März beginnen, sollten bis Ende des Jahres abgeschlossen sein: Dann endet nämlich die Übergangsfrist, die zumindest Johnson nicht verlängern will.

Der Ton, den Barnier auf seiner Pressekonferenz anschlug, war dabei zunächst ein durchaus freundlicher. Die EU sei bereit, London ein "sehr ehrgeiziges Handelsabkommen" anzubieten, das ein "zentraler Pfeiler" der künftigen Beziehungen werden sollte. Die EU strebe dabei "keine Zölle und Einfuhrquoten auf alle Waren" an, die aus Großbritannien in den europäischen Binnenmarkt kommen.

Der Franzose knüpfte an dieses Versprechen aber auch Bedingungen. Großbritannien müsse sich verpflichten, künftig in einen "offenen und fairen Wettbewerb" mit der EU zu treten. Es sollte nicht darauf abzielen, EU-Standards zu unterlaufen.

Australisches Modell

Hierfür müsse es "wirksame Garantien" geben, die dauerhaft Geltung hätten. Barnier nannte insbesondere die Bereiche Klimapolitik, Steuern und Staatsbeihilfen. In Brüssel gibt es Befürchtungen, dass Großbritannien im Konkurrenzkampf mit der EU Arbeitnehmerrechte sowie den Verbraucher- oder Umweltschutz aufweichen könnte.

Johnson, kein Vertreter britischen Understatements, konterte umgehend: In einer Rede im prunkvollen Old Royal Naval College in London, umrahmt von eindrucksvollen Gemälden aus dem 18. Jahrhundert, der großen Zeit des Britischen Empire, charakterisierte der britische Premierminister sein Land nach dem Brexit als eine Art Champion des Freihandels: Großbritannien werde florieren, auch wenn es kein bevorzugtes Handelsabkommen mit der EU gebe. Ein Vertrag mit der EU müsse nicht automatisch bedeuten, dass die Briten EU-Gesetze zur Wettbewerbspolitik, zu Subventionen, Sozialstandards, der Umwelt oder ähnlichen Fragen akzeptierten. "Jedenfalls nicht weniger, als dass die EU verpflichtet werden sollte, Regeln des Vereinigten Königreichs zu beachten."

Sollte die EU einem Freihandelsabkommen nach dem Vorbild der Einigung mit Kanada nicht zustimmen, werde er eine lockerere Bindung anstreben, wie sie beispielsweise Australien mit der EU habe. "Wir werden die vollständige souveräne Kontrolle über unsere Grenzen, über Einwanderung, Wettbewerb, Subventionsregelungen, Lieferungen, Datenschutz wieder herstellen", sagte Johnson. Er versicherte aber zugleich, dass Großbritannien nicht aus der EU ausgetreten sei, um deren Standards zu unterlaufen. "Wir werden uns nicht auf irgendeine Art von Dumping einlassen, ob im Handel, im Sozialen oder beim Umweltschutz." Johnsons harte Haltung nährte an den Börsen wieder die Furcht vor einem harten Brexit und schickte das britische Pfund am Montag auf Talfahrt. Auch EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen stellte den Briten die Rute ins Fenster: "Es gibt keinen Freifahrtschein in den Binnenmarkt, sondern immer nur Rechte und Pflichten", sagte sie am Montagvormittag.

Kurze Frist bis Jahresende

Bis Jahresende, solange die Übergangsfrist andauert, ändert sich für Briten und EU-Bürger im Alltag praktisch nichts. Während dieser Zeit wollen sich die beiden Seiten über die Regelung ihrer künftigen Beziehungen einig werden. Neben dem Handel geht es unter anderem um Fischereirechte, Sicherheitsfragen und den Zugriff auf Datenbanken. Die Frist bis Jahresende gilt eigentlich als viel zu kurz, doch eine Verlängerungsoption um bis zu zwei Jahre, die noch bis Ende Juli offensteht, lehnt Johnson vehement ab.