Es war erneut ein politischer Paukenschlag in London: Völlig überraschend hat Finanzminister Sajid Javid seinen Rücktritt erklärt - zeitgleich mit einer von Regierungschef Boris Johnson verfügten Kabinettsumbildung. Javid ließ am Donnerstag über seinen Sprecher verkünden, dass er sein Amt aufgebe. Auslöser sollen Unstimmigkeiten zwischen dem 50-Jährigen und Downing Street gewesen sein.

Johnson ernannte umgehend den bisherigen Vize-Finanzminister Rishi Sunak zum Nachfolger. Javid, ein ehemaliger Bänker, war ein Schwergewicht in Johnsons Regierung. Zuvor hatte der Sohn eines pakistanischstämmigen Busfahrers das Innenministerium geleitet. Es galt als sicher, dass er und Außenminister Dominic Raab bei der von Johnson im Vorfeld angekündigten Kabinettsumbildung ihre Posten behalten werden. Raab wurde am Donnerstag auch wie erwartet in seinem Amt bestätigt; Javid aber nahm seinen Hut.

Spannung zwischen Javid und Johnsons Chefberater

Die britische Nachrichtenagentur Press Association berichtete unter Berufung auf einen Vertrauten Javids, dass Johnson von seinem Finanzminister verlangt habe, seine bisherigen Berater zu entlassen. Diese sollten durch "Sonderberater von Downing Street Number 10" ersetzt werden, um künftig ein gemeinsames Team zu haben. Javid habe jedoch die Auffassung vertreten, "dass kein Minister, der etwas auf sich hält, derartige Bedingungen annehmen kann".

Schon seit Wochen gab es Gerüchte über Spannungen zwischen Javid und Johnsons engstem Berater Dominic Cummings. Nach dem Rücktritt des bisherigen Finanzministers sackte das Pfund an der Börse kurzzeitig ab.

Auf Javids Nachfolger Sunak wartet eine heikle Aufgabe: Er muss bereits in einem Monat den ersten Haushalt der Regierung Johnson nach dem Ende Jänner vollzogenen EU-Austritt vorstellen. Der 39-jährige Hindu kam am Donnerstag nach seiner überraschenden Ernennung lächelnd aus Downing Street Number 10. Er freue sich, sagte er und betonte zugleich vor Journalisten, dass es viel zu tun gebe. Sunak, der in Oxford und Stanford studierte, ist der zweitjüngste Finanzminister in der Geschichte Großbritanniens.

Bei der Kabinettsumbildung knapp zwei Wochen nach dem Brexit musste - wie von Experten erwartet - eine Reihe von Ministern ihre Posten räumen, darunter Nordirland-Minister Julian Smith und Wirtschaftsministerin Andrea Leadsom. Neben Außenminister Raab behielten hingegen Innenministerin Priti Patel und Johnsons Vize Michael Gove ihre Ämter.

Bereits am Freitag soll die Regierung erstmals in neuer Zusammensetzung tagen. Anfang März beginnen die Verhandlungen über die künftigen Beziehungen zwischen der EU und Großbritannien.

Johnson geriet am Tag seiner Kabinettsumbildung außerdem noch anderweitig in die Schlagzeilen: Der Premier steht wegen eines Luxusurlaubs in der Karibik unter Druck. Die Opposition forderte ihn am Donnerstag auf, offenzulegen, wer für den Urlaub mit seiner Freundin Carrie Symonds in einer Villa der Insel Mustique bezahlt hat, nachdem es verschiedene Angaben über die Finanzierung des Aufenthalts gab.

Der Labour-Politiker Jon Tricket forderte Johnson auf, Klarheit zu schaffen. "Die Öffentlichkeit verdient es zu wissen, wer für die Ausflüge des Premierministers bezahlt", sagte Tricket. (apa,afp)