Wenn Mary Lou McDonald dieser Tage durch Dublin geht, kommt sie nicht weit. Die Sinn-Féin-Chefin wird ständig aufgehalten, nimmt Blumensträuße entgegen, umarmt Passanten und posiert für Selfies. Vor einigen Tagen hat McDonald die Parlamentswahlen in Irland gewonnen. Das erste Mal in der irischen Geschichte liegt Sinn Féin auf Platz eins. Während McDonald ihren Erfolg feierte, fegte der Orkan "Sabine" über Irland. Kommentatoren sprachen vom "Sturm Mary Lou": Der Wahlsieg hat die politische Landschaft der Insel verändert. Er bringt nicht nur einen Linksruck, sondern bedeutet auch das vorläufige Ende des Zwei-Parteien-Systems.

Doch die Regierungsbildung wird schwierig. McDonald möchte Irlands erste Premierministerin werden, dafür braucht sie 80 Stimmen im 160 Sitze umfassenden Dáil, im irischen Parlament. Sinn Féin hat zu wenige Kandidaten aufgestellt und verfügt nur über 37 Abgeordnete. Eine stabile Mehrheit geht sich nur mit der konservativen Fianna Fáil und den Grünen aus. Die Fine Gael von Premier Leo Varadkar hat eine Zusammenarbeit mit Sinn Féin bereits ausgeschlossen.

Doch auch der Chef der Fianna Fáil, mit 38 Sitzen die größte Partei im Parlament, möchte nicht mit den Republikanern koalieren. Als Grund nennt Micháel Martin die großen inhaltlichen Differenzen, zudem sei Sinn Féin keine normale demokratische Partei. Sollte es McDonald gelingen, die Kleinparteien auf ihre Seite zu ziehen, braucht sie immer noch die Unterstützung aller unabhängigen Kandidaten, um auf 80 Abgeordnete zu kommen – ein unwahrscheinliches Szenario.

Die Geister der IRA

Als McDonald vor zwei Jahren Parteichefin wurde kündigte sie an, Sinn Féin zu modernisieren und auch in der Republik in die Regierung zu bringen. In Nordirland teilen sich die Republikaner seit 2007 die Macht mit den Unionisten von der DUP. In Irland war Sinn Féin lange ein Paria. In britischen wie irischen Medien durften Parteimitglieder während des Nordirlandkonflikts nicht sprechen, das Verbot endete erst 1994. Heute führt kein Weg an den Republikanern vorbei. Doch die Geister der Vergangenheit verfolgen die Partei bis heute.

Während des blutigen Nordirlandkonflikts war Sinn Féin der politische Flügel der IRA. Es waren Parteileute, die nach London reisten, um mit der britischen Regierung zu verhandeln, darunter McDonalds Vorgänger Gerry Adams. Der mittlerweile 71-Jährige bestreitet bis heute, je Mitglied der IRA gewesen zu sein – was auf beiden Seiten der Grenze für Kopfschütteln und Gelächter sorgt. Ehemalige IRA-Leute berichten detailliert über die hohen Posten, die Adams in der Untergrundarmee eingenommen haben soll.

Sicher ist: Während Adams seine Vergangenheit nie losgeworden ist, kam McDonald erst nach dem Ende des Nordirlandkonflikts zu Sinn Féin.
Das Karfreitagsabkommen von 1998, das den Bürgerkrieg beendete, war damals noch keine zwei Jahre alt. In der Partei haben ältere Männer das Sagen, die meisten kommen aus Nordirland, viele stammen aus der Arbeiterklasse und sind katholisch geprägt. McDonald gehört einer anderen Welt an: 1969 in eine Dubliner Mittelschichtsfamilie geboren, besucht sie eine Privatschule, später geht sie an die Universität, studiert Literatur und European Integration Studies. 1998 tritt McDonald der konservativen Fianna Fáil bei. Nur ein Jahr später wechselt sie zu Sinn Féin.

Distanz zur IRA erschließt neue Wählerschichten

Die Partei ist dankbar – Frauen wie die junge Dublinerin sind genau das, was die Republikaner brauchen. Schon 2004 zieht McDonald als erste Sinn-Féin-Abgeordnete ins Europaparlament ein, 2011 wird sie ins irische Parlament gewählt. Gegen den Widerstand der alten Riege in der Partei setzt sich McDonald für das Recht auf Abtreibung und für die gleichgeschlechtliche Ehe ein. Am Ende steht sie auf der Siegerseite: Beides ist in Irland mittlerweile erlaubt.

2018 löst McDonald Parteichef Gerry Adams ab, der die Sinn Féin 34 Jahre lang angeführt hat. Es ist ein Generationenwechsel, sagen die einen. Gerry Adams zieht im Hintergrund nach wie vor die Fäden, behaupten die anderen. Nach ihrer Wahl setzt McDonald verstärkt auf soziale und gesellschaftspolitische Themen. Diese Strategie ist nun aufgegangen: Mit ihrer Distanz zur IRA machte McDonald die Partei salonfähig und erschloss neue Wählerschichten.

Eine mögliche Wiedervereinigung Irlands - nach wie vor Sinn Féins erklärtes Hauptziel - spielte bei den Wahlen kaum eine Rolle. Der Sieg der Republikaner ist weder Zeichen eines Britenhasses oder des wachsenden irischen Nationalismus, noch ist er eine Folge des Brexit, wie das vielerorts behauptet wird. Es war der Zorn der Menschen über die zahlreichen Missstände im Land, über die Wohnungsnot und das marode Gesundheitswesen, der die Wähler zu Sinn Féin trieb.

Große Versprechen

Gelingt ihr der Einzug in die Regierung, beginnt für McDonald eine Gratwanderung: Will sie die Partei zusammenhalten, darf sie die alten Ziele nicht aus den Augen verlieren. Die 50-Jährige hat ein Referendum über die Wiedervereinigung Irlands in den kommenden fünf Jahren angekündigt, gleichzeitig muss sie soziale Ungleichheiten bekämpfen. Sie hat versprochen, Steuern für Geringverdiener zu senken und die Staatsausgaben drastisch zu erhöhen. Es ist unklar, wie das funktionieren soll.

Die Wähler haben sich an Sinn Féin gewandt, weil die Partei zur stärksten linken Kraft geworden ist. Viele haben davor noch nie republikanisch gewählt. Wenn McDonald nicht liefert, könnten sie ihr Kreuzerl das nächste Mal wieder woanders setzen.