Die britische Regierung will nach dem Austritt aus der Europäischen Union ein punktebasiertes Einwanderungssystem für ausländische Arbeitskräfte einführen. Um ein Arbeitsvisum zu erhalten, müssen Kandidaten besondere Kompetenzen nachweisen, gut Englisch sprechen und ein Jobangebot vorweisen können.

Das neue Einwanderungssystem werde die Zahl der Zuwanderer senken, erklärte die britische Innenministerin Priti Patel. "Wir beenden die Freizügigkeit, holen uns die Kontrolle über unsere Grenzen zurück und kümmern uns um die Prioritäten der Menschen." Patel sprach von einem "historischen Moment".

Großbritannien ist am 31. Jänner offiziell aus der EU ausgetreten. Bis Ende des Jahres gilt eine Übergangsphase, in der das Vereinigte Königreich im EU-Binnenmarkt und der Zollunion bleibt. Die neuen Einwanderungsregeln sollen am 1. Jänner 2021 in Kraft treten.

Jahresverdienst von mindestens 25.600 Pfund

Das neue System sieht vor, dass Kandidaten mindestens 70 Punkte sammeln müssen, um ein Arbeitsvisum zu erhalten. Für gute Englischkentnisse, einen zugesicherten Arbeitsplatz und eine qualifizierte Stelle gibt es 50 Punkte. Um auf die erforderlichen 70 zu kommen, müssen Bewerber zusätzlich mindestens 25.600 Pfund (30.820 Euro) pro Jahr verdienen, einen Mangelberuf ausüben oder einen PhD in Ingenieurs- oder Naturwissenschaften haben, der für den Job relevant ist. Selbstständige wie Patels indisch-stämmige Eltern, die in den 1960ern von Uganda nach Großbritannien kamen, sollen kein Visum mehr bekommen.

Damit werde den "besten Talenten" wie "Wissenschaftlern, Ingenieuren und Akademikern" der Vorrang gegeben, heißt es aus der Downing Street. Mit dem neuen System lösen Johnson und seine Brexiteers ihr altes Versprechen ein, nach dem EU-Austritt die Kontrolle wiederzuerlangen – und die Einwanderung zu begrenzen.

Die Opposition kritisierte die Pläne scharf. Labour warnte vor Rassismus und verwies darauf, dass einige Branchen auf ausländische Arbeitskräfte angewiesen seien. Die Regierung werde deshalb zu zahlreichen Ausnahmeregelungen gezwungen sein. Für Kritik sorgt auch, dass die Neuregelung bereits in zehn Monaten in Kraft treten soll. Die Zeit für Unternehmen sei zu knapp, um sich darauf vorzubereiten.

Industrievertreter werfen Regierung Angriff auf die Wirtschaft vor

Industrievertreter warfen der Regierung einen Angriff auf die Wirtschaft des Landes vor und warnten vor "katastrophalen" Konsequenzen, darunter der Verlust von Arbeitsplätzen und ganzen Unternehmen. Vor allem in der Gastronomie, bei landwirtschaftlichen Hilfskräften, auf dem Bau und in der Nahrungsmittelverarbeitung könnte es zu Engpässen kommen.

Industrievertreter warnen, dass das neue System sich negativ auf die Nahrungsmittelindustrie auswirken wird. Immerhin sorgen vor allem Migranten aus der EU dafür, dass die Supermarktregale befüllt bleiben. "Jene Arbeitnehmer, die die Regierung als ,gering qualifiziert‘ bezeichnet, sind lebenswichtig für unser Wirtschaftswachstum", sagte Tom Hadley vom britischen Arbeitgeberverband, zum "Guardian". "Wir brauchen Arbeiter, die uns helfen, unsere Alten zu pflegen, unsere Häuser zu bauen und unsere Wirtschaft stark zu halten."

Die Warnungen werden wohl ungehört bleiben. Dass das Parlament das neue Einwanderungssystem unterstützt, gilt als sicher – die Regierung verfügt nach den Neuwahlen im Dezember wieder über eine stabile Mehrheit – und Johnson hat seine Partei auf Linie gebracht. (apa/afp/sig)