"Wiener Zeitung":Anschläge mit rechtsextremem Hintergrund wie jener von Hanau scheinen zuzunehmen. Warum?

Andreas Peham: Rechtsterror gibt es nach 1945 in ganz Europa mit vielen Toten. Ob man quantitativ von einer Zunahme sprechen kann weiß ich nicht, aber die Bedrohung ist jedenfalls größer geworden. Schuld daran sind die neuen Kommunikationstechnologien. Die Taten sind in der Regel – beginnend bei Anders Breivik, der für viele Täter ein Vorbild ist – ohne das Internet nicht möglich. Der private Wahn reicht nicht für die Perfidie und die jahrelange Vorbereitung. Die Täter glauben, Teil einer virtuellen Gemeinschaft zu sein. Breivik war wie der Attentäter von Hanau paranoid: Sie hören Stimmen und treffen auf Menschen, die auch Stimmen hören. Daraus entsteht eine scheinbare Berechtigung zu töten. Der Attentäter von Christchurch Brenton Tarrant schreibt in seinem Manifest: Wenn ich es nicht getan hätte, wäre ich schuldig geworden. Das fehlende Schuldbewusstsein verweist nicht nur auf eine Störung. Die Verbindung von psychischer Störung und ideologischer Legitimation wird erst durch das Internet möglich: Der Täter fühlt sich als Teil einer virtuellen Gemeinde und bezieht dadurch maßgeblich Motivation für seine Taten.

Andreas Peham, geboren 1967 in Linz, forscht am Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (DÖW) zu Rechtsextremismus und Antisemitismus. - © privat
Andreas Peham, geboren 1967 in Linz, forscht am Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (DÖW) zu Rechtsextremismus und Antisemitismus. - © privat

Die Täter sehen sich als Verteidiger – des Abendlandes oder gegen einen herbeifantasierten "Bevölkerungsaustauch" – und verbreiten Verschwörungstheorien. Hat der vermehrt von Rechtspopulisten und rechtsradikalen Parteien geprägte politische Diskurs Einfluss auf die Radikalisierung von Einzelpersonen oder findet diese in geschlossenen Räumen statt?

Es geht um beides. Diese geschlossenen Räume entstehen nicht im Nichts. Virtuelle Gegengesellschaften bilden sich, die einsamen Wölfe haben viel gemeinsam, auch frühkindliche Traumatisierungen und schwere narzisstische Kränkungen spielen eine Rolle, auch durch das weibliche Geschlecht. Da gibt es eine Parallele zum dschihadistischen Terror. Gewalterfahrungen und schwere Traumatisierungen hatten wir auch bei Breivik. Aber das hängt nicht im luftleeren Raum, sondern findet mit der Diskursverschiebung nach rechts und einem Senken der Sagbarkeitsgrenzen eine Basis. Rechtspopulismus und Boulevard spielen sich die Bälle gegenseitig zu und agieren als Angstverstärker. Das befeuert die Paranoiker. In der Neonaziszene gibt es eine Hymne: "Mit der Lizenz zum Töten ziehen wir durchs Land dann wird alles Kranke erschlagen und niedergebrannt". Sie glauben das subjektiv wirklich. Den Glauben an diese Lizenz zum Töten beziehen sie aus dem Rassismus.

Wie hat sich die rechtsradikale Szene in den vergangenen Jahren verändert?

Ich ziehe eine Linie ab dem Anschlag durch Breivik 2011. Das sind keine klassischen Neonazis mehr, die in Gruppen organisiert sind, sondern "einsame Wölfe", die ihre Taten allein und abgekapselt begehen. Das entspricht auch der paranoiden Struktur: Diese Täter können keine Gruppen bilden – außer im virtuellen Raum. Ihre Ideologie ist geprägt von Rassismus und Menschenverachtung, sie brauen sich ihr Mischmasch selbst zusammen.

In den 1980ern und 1990ern waren es Skinheads und ihr Terror auf der Straße, die die rechtsradikale Szene prägte. Haben Amokläufe "einsamer Wölfe" sie als rechte Bedrohung abgelöst?

Früher war das näher an der spontanen rassistischen Straßengewalt. Das hat sich verändert. Das Konzept des führerlosen Widerstandes, in dem jeder eine Zelle bildet und keiner etwas vom anderen weiß ist nicht nur Ausdruck einer neuen Strategie. Es erschwert auch die behördliche Verfolgung. Diese Täter handeln als Einzelne, aber sie fühlten sich nicht allein. Das Gefühl, stark zu sein beziehen sie aus der virtuellen Vergemeinschaftung.

Werden diese einsamen Wölfe durch Propaganda zu Taten angestachelt?

Ganz gezielt, ja. Da entwickelt sich viel in einer Radikalisierungsdynamik. Das können Gamerforen sein, wo Rekrutierer reingehen und sich vulnerable Personen aussuchen.

Woher kommen diese Rekrutierer? Sind sie Teil einer wirklichen Gruppe?

Das sind eher lose globale Netzwerke. Rechtsterror ist ein globales Phänomen.

Was wollen sie? Geht es darum, die Gesellschaft zu destabilisieren?

Ja. Der Traum ist, die Welt dem eigenen Inneren anzugleichen. Die Welt kann nur durch ein Blutbad erlöst werden, das entspricht dem alten nationalsozialistischen Motiv von Erlösung durch Vernichtung. Da gibt es verschiedene Fantasien, die "rationalsten" sind die, einen Bürgerkrieg zu provozieren. Das finden Sie auch bei den Identitären. Da gibt es Steigerungsformen bis hin zum heiligen Rassekrieg.

Wie unterscheidet sich diese neue Art des Rechtsterrorismus ideologisch von den alten Neonazis?

Kaum. Es handelt sich bei beiden um ein paranoides Denken mit Bedrohungsszenarien. Das Notwehrmotiv ist subjektiv aufrichtig: Die fühlen sich wirklich verfolgt. Bei Martin Sellner (Chef der Identitären Bewegung Österreich, Anm.) bin ich mir nicht sicher, ob er das wirklich glaubt.

Bewegungen wie die Identitären sind klein, agieren aber sehr professionell und PR-stark. Welchen Einfluss haben sie und die sogenannte Flüchtlingskrise auf gewaltbereite Rechte?

Die Ereignisse selbst haben wenig Einfluss, es geht eher um deren Aufbereitung. Der extremen Rechten kommt hier die Politik entgegen, die sich als machtlos zeigt und die Medien, die dramatisieren. Sellner weiß, dass er ohne die Flüchtlingskrise keinen Fuß auf den Boden bekommt. Das war sein Schmiermittel. Junge, vage rechtsorientiere 14-Jährige werden so auch in ihren adoleszenten Ängsten abgeholt. Der Diskurs Sellners ist, dass Europa untergeht – oder die weiße Rasse, das Abendland, die Wörter sind austauschbar – und er zur letzten Generation gehört, die das aufhalten kann. Ich nenne das den Pathos der letzten Chance, der bei Menschen wie Tarrant umgesetzt wird.

Wie sollen Medien über Attentate wie jenes von Hanau berichten? Einerseits sollen Täter keine Bühne bekommen, andererseits muss das Geschehene abgebildet werden…

Genau: Es ist wichtig, aus dem Täter keinen Mythos zu machen. Die Motive und das, was er preisgibt, sollen kritisch hinterfragt werden. Der Täter will so gesehen werden, wie er sich preisgibt – tun wir ihm den Gefallen? Lasse ich den Täter ausführlich zu Wort kommen dann mache ich mich unfreiwillig der Verstärkung schuldig: Er erreicht dann Kreise, die ihm sonst verschlossen geblieben wären. Nicht zu berichten kann aber auch nicht die Antwort sein, denn gerade im Internetzeitalter ist es ja sowieso präsent. Eine seriöse Berichterstattung ist extrem wichtig.