Das dumpfe Rattern der Rotorblätter ließ José Gata aufschauen. In den Himmel über der Sierra Suroeste in Extremadura verirren sich nur selten Hubschrauber. Dieser flog ungewöhnlich langsam. Noch ungewöhnlicher war das Ding, das an einem langen Seil herabhing. "Es war eine Art riesiger Ring", erzählt Gata über seine seltsame Beobachtung im Sommer 2018. Das Georadar, wie Gata später herausfand, war ein erster Vorbote für den Aufruhr, die schon bald über seinen Heimatort Zahínos hereinbrechen würde.

Gatas Gesicht hat eine gesunde Farbe und auch wenn er nicht lacht, strahlen seine Augen Fröhlichkeit aus. Der Vater dreier Kinder ist Präsident der Sociedad Civil Cabra Alta y Baja, eine Kooperative, die eine 2500 Hektar große Fläche zwischen Zahínos und Villanueva del Fresno bewirtschaftet. Fast täglich fährt er mit dem Allrad-Pickup hinaus, um nach dem Rechten zu sehen. Neben Schafen und Rindern hält die Kooperative Hunderte Schweine, die im Freilauf leben. Sie liefern den Rohstoff für den bei Feinschmeckern auf der ganzen Welt begehrten iberischen Eichelrohschinken. Die Finca liegt inmitten der Dehesa, einer steppenartigen Landschaft, die im Mittelalter entstanden ist. Typisch für die von Trockenheit geprägte Dehesa sind die kleinwüchsigen Stein- und Korkeichen, von denen manche bis zu sieben Jahrhunderte alt sind. Zahlreiche bedrohte Tierarten wie der Schwarzstorch oder der Pardelluchs leben hier, weshalb große Teile Schutzgebiete sind.

19 Prozent Arbeitslosigkeit

Zwischen den knorrigen Bäumen tummelt sich eine Herde dunkelhäutiger und behaarter Schweine, die fröhlich grunzend angetrabt kommen, sobald sie Gatas Wagen hören. "Das hier sind iberische Schweine, gekreuzt mit Duroc", erklärt Gata. Sie sind schlanker und flinker als das in Europa verbreitete weiße Hausschwein. "Die müssen sich auch anstrengen, um an ihr Futter zu kommen", lacht Gata. Ab Ende November bis zur Schlachtung Ende Jänner ernähren sich die Jungschweine ausschließlich von den herabgefallenen Eicheln, die dem "jamón ibérico de bellota" den einzigartigen Geschmack verleihen.

Rund um Zahínos werden hunderte Eichelschweine gehalten. Sie liefern den Rohstoff für den bei Feinschmeckern auf der ganzen Welt begehrten iberischen Schinken. - © osusky
Rund um Zahínos werden hunderte Eichelschweine gehalten. Sie liefern den Rohstoff für den bei Feinschmeckern auf der ganzen Welt begehrten iberischen Schinken. - © osusky

Das Einkommen aus der Weidewirtschaft allein reicht nicht zum Leben, und so arbeitet Gata in einer Metallfabrik. Seit der Krise nur unregelmäßig, auf Abruf. Die Arbeitslosigkeit beträgt in der Extremadura 19 Prozent und liegt über dem Landesdurchschnitt von 14 Prozent. Laut Ranking der Steuerbehörde ist Zahínos der Ort mit den niedrigsten Einkommen Spaniens: 2019 lag das durchschnittliche Bruttojahreseinkommen der 2800 Zahíneros bei 11.480 Euro. Die karge Landschaft gibt nicht viel her und die Industrialisierung hat nie wirklich stattgefunden. Was jahrzehntelang ein Nachteil für die Region war und in den 1950er und 1960er Jahren zu massiver Abwanderung führte, könnte sich heute in Zeiten des Kampfes gegen den Klimawandel als Vorteil erweisen. Auf der internationalen Tourismusmesse Fitur in Madrid warb die Region für Sanften Tourismus. Saubere Luft und Naturschutzgebiete inklusive.

José Gata wurde im Jahr 2018 als Erster auf die geplante Uranmine aufmerksam. - © osusky
José Gata wurde im Jahr 2018 als Erster auf die geplante Uranmine aufmerksam. - © osusky

Der Bürgermeister von Zahínos ist genervt von Journalisten, die einmal im Jahr nach Zahínos pilgern, um über den "ärmsten Ort des Landes" zu berichten. Weswegen sich Gregorio Gallego zunächst weigert, ein Interview zu geben. Zahínos wirkt tatsächlich alles andere als arm. Die Häuser sind gepflegt, die steilen Straßen sauber und aufgeräumt. Ein kleiner historischer Stadtkern thront auf dem Hügel, von dem aus man weit in die umliegenden Hügelketten der Steppenlandschaft blickt. Es gibt Schulen, Gasthäuser, Geschäfte und eine Jugendherberge. Am Dorfrand weiden Pferde, Kühe und Schweine. Am späten Nachmittag kommt Bewegung in die engen Gassen und der wärmende Duft von verkohltem Holz aus den umliegenden Holzkohleöfen legt sich über den Ort. Die Idylle ist an jeder Ecke spürbar, wären da nicht die knallgelben Stofftücher mit der Aufschrift "Nein zur Uranmine" und dem Warnsymbol für Radioaktivität, die an fast jedem Haus hängen.

"Dieses Projekt wird Krebs und Tod bringen", sagt José Costillo von der Bürgerplattform. - © privat
"Dieses Projekt wird Krebs und Tod bringen", sagt José Costillo von der Bürgerplattform. - © privat

Sechs Monate nach Gatas‘ Hubschraubersichtung wird bekannt, dass die Firma Qbis Resources eine Konzession erhielt, auf 8500 Hektar nach Uran zu suchen. Das Gebiet betrifft direkt die fünf Orte Higuera de Vargas, Jerez de los Caballeros, Oliva de la Frontera, Villanueva del Fresno und Zahínos, wo zusammen über 22.000 Menschen leben.

"Keiner von ihnen lebt noch"

Dass dort Uran unter der Erde liegt, daran zweifelt niemand. Zwischen 1956 und 1965 wurden auf der Finca Cabra Alta rund 65.000 Tonnen Uran abgebaut. Von der alten Uranmine zeugen nicht nur drei versiegelte Stolleneingänge. Vor allem die Erinnerung an den qualvollen vorzeitigen Tod, den viele der Arbeiter erleiden mussten, ist noch gegenwärtig.

Ohne Schutzbekleidung, ohne Belüftung gruben sie Schächte in den Berg und zum Teil mit bloßen Händen bauten sie das giftige Schwermetall ab. "Von den Arbeitern lebt niemand mehr", sagt José Carlos Costillo von der Bürgerplattform "Dehesa sin Uranio". Die alte Mine liegt etwa drei Kilometer Luftlinie von Zahínos entfernt. "Dieses Projekt wird unsere Dehesa zerstören, wird Krebs und den Tod bringen", ist sich Costillo sicher. Viele Arbeiter von damals litten an Lungenerkrankungen, deren sichtbarstes Symptom blutiger Husten war, erinnert sich der Dorfchronist Francisco Bobadilla. Das Radongas, das beim Uranabbau freigesetzt wird, hat die Erkrankungen verursacht.

"Alle haben zugestimmt"

Die Bewohner der fünf Orte, deren Bürgermeister unterschiedlichen Parteien angehören, zögerten nicht lange und organisierten die wohl größten Proteste, die Extremadura je gesehen hat. Umweltschützer warnen vor dem Risiko einer Kontamination des Alqueva-Stausees in Portugal. Der ist Europas größter Stausee und keine 50 Kilometer von Zahínos entfernt. Der Druck der Straße und die Verwaltungsbeschwerden der Gemeinden machen Eindruck in der Provinzhauptstadt Mérida. Im Juli 2019 zieht die Bergbaubehörde die Genehmigung zurück. Eine Schlacht ist gewonnen, doch der Krieg noch lange nicht: Im Oktober wird bekannt, dass Qbis Resources gegen die Entscheidung vor Gericht geht.

César Ayllón hat kein Verständnis für den Widerstand der Bürger. Der Geschäftsführer von Qbis Resources kann den Rückzieher nicht nachvollziehen und beklagt fehlende Rechtssicherheit. "Hier findet Gehör, wer am lautesten schreit", regt er sich im Gespräch auf. Der Leiter der Bergbaubehörde befand im Nachhinein, dass radiologische Gutachten für das Projekt fehlten, was aber noch im Dezember 2018 einer Genehmigung nicht im Wege stand. "Alle haben dem Projekt zugestimmt. Und eine Exploration hat ohnehin so gut wie keine Umweltauswirkungen", sagt Ayllón.

Der Anthropologe Santiago Amaya Corchuelo, der 2002 eine Monografie über Zahínos verfasste, ist überzeugt, dass eine Uranmine für die Gegend einer Katastrophe gleichkäme. Viele fragen sich, warum die Behörden den Abbau von Uran überhaupt erwägen und Gesundheit und Umwelt aufs Spiel setzen. Eine Antwort darauf hat die Behörde auf Nachfrage nicht. Sie verweist auf das Bergbaugesetz, das noch aus der Franco-Diktatur stammt. "Im Bergbaugesetz steht, dass Bodenschätze öffentliches Gut sind. Was aber ist das öffentliche Interesse am Uranabbau, wenn der Atomausstieg Spaniens beschlossen ist und der Preis die Zerstörung einer einzigartigen Landschaft und der vorhandenen nachhaltigen Wirtschaftsstrukturen ist?" fragt Umweltanwältin Mariangeles Lopez Lax. Für sie wie für Costillo ist klar, dass Uran für den Export ins Ausland, etwa China oder Indien, bestimmt wäre.

Um CO2-Emissionen bei gleichzeitig wachsendem Energiebedarf zu reduzieren, investieren beide Länder in den Bau von Atomkraftwerken. Auch innerhalb der EU werden neue Atomkraftwerke gebaut. Erst Ende November kurz vor dem Klimagipfel verabschiedete das EU-Parlament eine Resolution für die Erreichung der Klimaziele. Atomkraft wird darin explizit nicht ausgeschlossen.

Uran als Tabuwort

Dass der Abbau von Uran problematisch sein könnte, zeigt das Gebaren der Bergbaubehörde Extremaduras. Bei den amtlichen Bekanntmachungen über das Projekt wurde das Wort Uran peinlichst vermieden. "Dort war nie von Uran die Rede. Das wäre mir doch sofort aufgefallen und ich hätte dagegen protestiert", empört sich Bürgermeister Gallego. Doch niemand protestierte. "In den Bekanntmachungen hieß es stets ‚Mineralien der Sektion D‘", sagt Costillo. "Aber ich bin ja kein Bergbauingenieur, mir sagt das nichts." Erst als die Genehmigung Ende 2018 definitiv ist, taucht das Wort Uran auf.

Samuel Ruiz, Leiter der Bergbaubehörde, musste Ende Jänner vor einer Parlamentskommission Rede und Antwort stehen. "Es gibt kein Uranminenprojekt", versucht Ruiz die Causa herunterzuspielen. Podemos-Abgeordnete Irene de Miguel widerspricht: "Die Angelegenheit ist nun vor Gericht." Sie wirft der Behörde vor, keine klare Strategie den Bergbau betreffend zu haben. Wie die Umweltanwältin Lopez fordert auch sie eine Überarbeitung des Bergbaugesetzes, das ihr zufolge nur dem Bergbausektor Rechtssicherheit bietet, nicht aber den Bürgern.

Das Gesetz ermöglicht es dem Staat, Grundbesitzer zu enteignen, um Bodenschätze abzubauen. Gata weiß das. Auf die Frage, was er tun wird, käme es so weit, schaut er nachdenklich in die Ferne, zuckt ratlos mit den Schultern. Jesús Rodríguez von der Kooperative El Progreso, in der alle erwachsenen Zahíneros Mitglied und somit Mitinhaber an den Grundstücken sind, fürchtet, dass die Hälfte des Terrains verloren geht und somit ein wichtiger Teil der Erträge. "Welche Arbeit werden sie uns geben? Hier geht es doch nur um Börsenspekulation", glaubt er.

Eine Frage der Konzession

Der Ökonom Santiago Lopez von der Universität Salamanca bestätigt diesen Verdacht. Im Bergbausektor gehe es oft nicht um tatsächlichen Abbau, sondern um Erwartungen an der Börse. "Wichtiger als jetzt ein Mineral abzubauen, ist für die Unternehmen die Tatsache, dass sie es in Zukunft tun könnten, weil sie die Konzession haben. Allein damit können sie Gewinne machen," so Lopez. Doch derzeit ist der Uranpreis zu niedrig, als dass sich der Betrieb neuer Uranminen lohnen würde. Selbst Kasachstan, mit einem Anteil von 39 Prozent global der wichtigste Uranlieferant, drosselte 2018 seine Produktion.

Lopez verfolgt seit Jahren ein anderes Uranminenprojekt. Nahe Salamanca plant der kanadische Konzern Berkeley Energia eine Uranmine in Tagebau. Das Vorhaben ist weit fortgeschritten und bereits Hunderte uralte Stein- und Korkeichen sind gefällt worden. Es fehlen nur noch wenige Genehmigungen, um in Betrieb zu gehen. Allerdings ist der Widerstand der Anwohner dort gegen den Uranabbau weitaus schwächer als in der Sierra Suroeste.

Ayllón, der Geschäftsführer von Qbis Resources, war übrigens bis 2014 für Berkeley tätig. Er findet es egoistisch von den Bewohnern, gegen eine Uranmine zu sein. Schließlich benötige man Uran auch in der Strahlenmedizin, um etwa Krebs zu bekämpfen. "Die Schweinezüchter, die hohe Subventionen erhalten, verhindern, dass hier Bodenschätze abgebaut werden, die Milliardengewinne und Arbeitsplätze bringen. Das ist nicht wirtschaftlich", sagt er. Doch für die Zahíneros bedeutet Wohlstand mehr als Geld. "Gewisse Dinge scheinen in der Steuererklärung nicht auf, obwohl sie von großem Wert sind. Wie unsere Dehesa, die uns allen gehört", sagt Costillo.