Wenn Mario Franchi auf etwas nur schwer verzichten kann, dann ist es der Cappuccino in der Früh in der Bar. Der 69-Jährige lebt in Udine ganz im Nordosten Italiens. Als er am Dienstagmorgen gegen acht Uhr vor seiner Stammbar hinter der Piazza San Giacomo steht, versichert sich der Italiener erst einmal, ob sonst noch jemand in Lokal ist. "Bis auf die zwei Barangestellten war niemand drinnen, also bin ich eingetreten und habe auch heute meinen Cappuccino getrunken", erzählt Franchi zufrieden. Das Getränk hatte diesmal aber einen sonderbaren Beigeschmack. "Es war surreal", sagt Franchi. Und anders als sonst: Stille in einer italienischen Bar, wo sich normalerweise das Klappern des Geschirrs und das lautstarke Gerede der Menschen zu einem bezaubernden akustischen Flair vermischt. Italien ist über Nacht ein ruhiges, allzu ruhiges Land geworden.

Die Angst geht um

Die Republik, die mit ihrer Lautstärke bezirzt wie nervt, ist wie in Watte gebauscht. Auch in Rom sieht man wenige Menschen auf der Straße. Die Geschäfte sind offen, aber leer. Vor der Post stehen Menschen mit Mundschutzmasken. Busse fahren, sind aber weitgehend unbesetzt. Die unwirkliche Stille und die gedämpfte Akustik erinnern an den letzten Schneefall, auch da kam das öffentliche Leben in der Stadt zum Erliegen. Diesmal aber lässt die Schmelze auf sich Warten. Der Lärm und die Lebendigkeit, die Italien ausmachen, sind wie ausgelöscht, seit Premier Giuseppe Conte die gesamte Republik am Montagabend wegen der Ausbreitung des Coronavirus zum Sperrgebiet erklärte. "Io resto a casa" (Ich bleibe zuhause), so taufte Conte das Dekret, das die Quarantänezone, die zuvor die Lombardei und 14 andere Landkreise im Norden umfasste, auf ganz Italien ausweitete.

- © M. Hirsch
© M. Hirsch

"Leider haben wir keine Zeit mehr", sagte Conte. Die Zunahme der Ansteckungen mit dem Coronavirus, die steigende Zahl der Intensivpatienten, die Todesfälle, all das führte der Premier an, um zum entscheidenden Satz zu kommen: "Wir müssen unsere Lebensgewohnheiten ändern - und zwar jetzt." Es geht darum, den Ansturm auf Krankenhäuser zu verhindern, wenn viele Erkrankte ärztliche Hilfe suchen. Die Regierung setzt darauf, dass die Zahl der Neuinfektionen zurückgeht. Seit Dienstag ist es den rund 60 Millionen Italienern deshalb nur unter drei Bedingungen erlaubt, das Haus zu verlassen: aus gesundheitlichen Gründen (wenn man dringend zum Arzt oder ins Krankenhaus muss), wegen unaufschiebbarer Arbeitsverpflichtungen (etwa als Arzt) oder aus "sonstigen Zwängen". Dazu zählt zum Beispiel der notwendige Einkauf für den Haushalt. Der Cappuccino in der Früh eher nicht. Offiziell ist eine amtliche Erklärung für jeden Ausgang abzugeben, de facto passiert das nicht.

"Die Polizei sieht man nicht in Udine", erzählt Franchi. In anderen Städten gibt es zwar Polizeistreifen. Kontrolliert werden aber nur große Ein- und Ausfallstraßen, Bahnhöfe und Flughäfen. Wie soll es auch anders gehen in einem so großen Land? Es ist nicht ausgeschlossen, dass Italien bereits ein Szenario erlebt, wie es Deutschland oder Österreich noch bevorsteht. Die Italiener sollen dieser Tage verantwortungsbewusst sein und auf das normale Leben verzichten. Das ist viel verlangt für eine offene Gesellschaft.

Noch am Montagabend stürzten hunderte Menschen in die Supermärkte, um sich für die Quarantäne einzudecken. Auch der normale politische Betrieb ist betroffen. Das Parlament in Rom kommt nur noch einmal pro Woche zusammen, nun soll ein Zehn-Milliarden-Euro-Paket mit Wirtschaftshilfen verabschiedet werden. Am Dienstag ließ der Vatikan sogar den Petersplatz und den Petersdom in Rom sperren.

Auch von außen wird Italien zunehmend isoliert. Das Berliner Robert-Koch-Institut stufte das Land am Dienstag als Risikogebiet ein. Die Bundesregierung und Großbritannien rieten von Reisen nach Italien ab, Österreich kündigte an, Menschen an der Grenze zu stoppen und nur mit ärztlichem Attest einzulassen. Spaniens Regierung verbot Direktflüge von und nach Italien. Fluggesellschaften wie British Airways, Norwegian Airways und Ryanair stellten alle Flüge auf die Apenninenhalbinsel ein.

Private Treffen untersagt

Die Halbinsel wird immer mehr zur Insel. Im Norden spitzte sich die Lage am Dienstag weiter zu. "Weitere 15 bis 20 Tage mit einer solchen Zunahme der Patienten in der Ersten Hilfe und den Intensivstationen bewältigen wir nicht", sagte Giulio Gallera, Sozialreferent der Lombardei. Alleine am Montag wurden in der Region 550 Patienten in die Krankenhäuser eingeliefert. Die Behörden erwogen dort am Dienstag die komplette Schließung aller Büros, Verkehrsmittel und Geschäfte, abgesehen von Supermärkten und Apotheken. Die nächste Stufe der Abschottung steht vor der Tür.

Mario Franchis Mutter Maria lebt im römischen Stadtviertel Prati. Die 92-Jährige ist eine lebensfrohe Süditalienerin, die als Kind die Mussolini-Diktatur und den Krieg erlebt hat. Aber eine staatlich auferlegte Quarantäne, das ist auch für Maria Franchi neu. "Ich gehe seit Tagen nicht aus dem Haus", sagt sie resigniert. Alte Menschen sind durch Covid-19 besonders gefährdet. Ihre Tochter besorgt die Einkäufe und hält die Kontakte zur Außenwelt. Die sind allerdings deutlich weniger geworden. Die Familie verständigt sich per Video-Telefonie, auch Treffen unter Freunden oder Verwandten sind untersagt. Nicht nur sind Schulen und Universitäten bis mindestens 3. April geschlossen, auch Bars und Restaurants machen um 18 Uhr zu. Die Spiele der Fußballliga Serie A wurden abgesagt, ein Sakrileg für die fußballverrückten Italiener. Ein ausgesprochen soziales Volk sieht sich vor einer schweren Probe: Es muss auf seine Geselligkeit verzichten. Für wie lange, das kann derzeit niemand sagen.