Mailand/Rom. Die lange Kette an Fehlern, die dazu geführt hat, dass Italien die Kontrolle über die Corona-Epidemie verloren hat, beginnt an einem Tag Mitte Februar. Als ein 38-Jähriger mit Grippesymptomen in einem norditalienischen Krankenhaus um Hilfe bittet, kommt niemand auf die Idee, ihn auf Corona zu testen - wozu auch? Weder war der Manager des Unilever-Konzerns in China gewesen, noch hatte er Kontakte dorthin gehabt. Als "Patient Eins" später doch in Quarantäne kommt, hat er bereits mehrere Personen angesteckt, darunter Menschen in einem Kaffeehaus und Krankenhauspersonal.

Das Coronavirus zirkuliert in Italien wahrscheinlich bereits seit Jänner und konnte sich wochenlang unbemerkt verbreiten. Bei einer Pandemie wird zunächst versucht, "Patient Null" ausfindig zu machen, also den ersten Infizierten. Das ist in Italien bis heute nicht gelungen. Die ersten zwei Fälle im Land waren chinesische Touristen. Sie wurden isoliert, doch damit war die Angelegenheit noch lange nicht unter Kontrolle. Der 38-jährige Manager muss sich in der Lombardei angesteckt haben, offenbar gab es im Norden des Landes eine andere Infektionskette. Wer den Erreger dorthin gebracht hat, ist unklar. Denkbar ist, dass ein Billigarbeiter aus China Patient Null war. In Norditalien gibt es zahlreiche Textilunternehmen, tausende Chinesen arbeiten dort in den Fabrikhallen.

Viele machen sie für die rasche Verbreitung des Virus in Norditalien verantwortlich. Doch der Virologe Claude Muller glaubt nicht an diese These. "Enge Verbindungen mit China gibt es woanders auch", sagt der Experte vom Luxembourg Institute of Health. Gegen die Textilarbeiter-These spreche zudem, dass Italien die Verbindungen zu China als erstes Land eingeschränkt habe.

Doch da war es schon zu spät. In Italien verbreitete sich das Virus rasend schnell, die Zahl der Infizierten explodiert geradezu: Mit mehr als 12.400 Corona-Kranken verzeichnet das Land bei Weitem die meisten Fälle außerhalb Chinas. Auch die Todesrate ist mit 827 (Stand Donnerstagnachmittag) auffällig hoch: Im Schnitt sterben zwischen drei und vier Prozent der Infizierten, in Italien sind es sechs von hundert.

Das kann allerdings auch daran liegen, dass viele Infizierte gar nichts von ihrer Krankheit merken: Bei bis zu 80 Prozent der Fälle nimmt Covid-19 einen milden Verlauf. Bleiben sie unerkannt und fließen nicht in die registrierten Zahlen ein, ist auch die offizielle Todesrate höher. Deshalb gehen viele Experten davon aus, dass die Mortalitätsrate in Wahrheit viel niedriger ist und sogar bei unter einem Prozent liegt. "Das kommt allerdings auf die Altersverteilung an: Je mehr alte Menschen, desto höher die Sterblichkeit", sagt Muller. Weil die schweren Krankheitsverläufe ab 50 Jahren zunehmen, wird häufig das hohe Durchschnittsalter der Italiener als Ursache für die vielen Todesfälle ausgemacht. Mit einem Meridian von 46,3 Jahren hat Italien die älteste Bevölkerung in Europa (Schnitt: 43,1) - und alte Menschen, vor allem solche mit Vorerkrankungen, haben ein viel höheres Risiko, ernsthaft zu erkranken und an den Folgen des Virus zu sterben.

Muller glaubt dennoch nicht daran, dass sich das hohe Alter der Bevölkerung dermaßen auf die Todesraten auswirkt. "Der Unterschied von 0,2 Prozent Todesrate in Deutschland auf sechs in Italien, da kann nicht das Alter der Gesellschaft allein verantwortlich sein", sagt der Experte. Die hohe Mortalität liege an den zahlreichen Fällen, "die nicht auffallen, nicht getestet werden und das Virus verbreiten".

Es ist eine fatale Kettenreaktion: Jeder Infizierte steckt im Schnitt drei Menschen an - der erste drei, diese dann insgesamt neun, die 27 und so weiter. Deshalb ist es auch so wichtig, Patient Null zu finden. Muller: "Dann hat man eine Chance, das in den Griff zu bekommen. Gelingt das nicht, wird es schwierig, denn dann tragen Unentdeckte das Virus herum und verbreiten es." In Italien spreche viel dafür, dass zahlreiche leichte Fälle von Covid-19 nicht erkannt wurden.

Folgenschweres Leak

Das erste Land, das von einer Epidemie betroffen ist - in Europa eben Italien -, sei immer schlechter vorbereitet als spätere, sagt Muller. Italien habe das Problem lange nicht erkannt, viele Betroffene hätten sich nicht gemeldet und das Virus verbreitet. Auch das öffentliche Gesundheitswesen habe nicht früh genug darauf aufmerksam gemacht. Bald war es zu spät, das Virus im Umlauf.

"Italien zeigt sich auch bei anderen Infektionskrankheiten problematisch", sagt Muller. Bis die Pflichtimpfung eingeführt wurde, gab es etwa überdurchschnittlich viele Masernerkrankungen: "Man hat das nicht so ernst genommen." So hätten die Behörden wenig gegen die niedrige Durchimpfungsrate unternommen. Auch Österreich hatte bis vor fünf Jahren Probleme mit Masern, "aber dann gab es eine Medienkampagne und Aktionen zur Bewusstseinsbildung, die sehr geholfen haben", erklärt Muller.

Einen folgenschweren Effekt hatte auch ein Leak durch die Zeitung "Corriere della Sera" am vergangenen Samstag. Wenige Stunden, bevor die Regierung in Rom verkündet, Norditalien unter Quarantäne zu stellen, berichtet die Tageszeitung über die Maßnahme. Gleichzeitig steigt die Todesrate auf 366 - eine Steigerung von 50 Prozent in nur 24 Stunden. Im Norden bricht Panik aus, tausende Menschen machen sich auf den Weg Richtung Süden, überfluten die Bahnhöfe, verstopfen die Straßen. Das Leak führt dazu, dass genau das eintritt, was die Regierung unbedingt verhindern wollte: Die Menschen aus dem Norden, der zu diesem Zeitpunkt 85 Prozent der Coronafälle Italiens verzeichnet, tragen das Virus in den Süden - und stecken ihre Verwandten und Freunde damit an. In Süditalien wären ohne das Leak wahrscheinlich weniger Menschen erkrankt. Die Zahlen steiger weiter - und ganz Italien steht unter Quarantäne.