Die Handykamera schwenkt über den Vorplatz des Friedhofs. Ein Militärtransporter ist zu sehen, auch ein Polizist mit Atemschutzmaske. Dann ein Bild aus der Kapelle, in der mehr als ein Dutzend Särge nebeneinander stehen. Und dann eines von einem abfahrenden Lkw.

Das kurze Video, das die Zeitung "Corriere della Sera" auf ihre Internetseite gestellt hatte, zeigt wie das Militär in Bergamo, knapp 60 Kilometer nordöstlich von Mailand, zum Abtransport der Leichen von Coronavirus-Toten eingesetzt wird. Ein Armeesprecher bestätigte, dass 15 Laster und 50 Soldaten abkommandiert worden seien, um die Särge aus Bergamo in benachbarte Provinzen zu bringen. Zuvor hatten die Behörden der Stadt um Hilfe gebeten, da die Krematorien nicht alle Toten aufnehmen könnten.

Italien war nach China das vom Coronavirus am heftigsten getroffene Land - und überholt es bei den Todesfällen mittlerweile. Die Zahl der Infizierten lag am frühen Donnerstagabend bei mehr als 41.000, und die Zahl der Verstorbenen ist in 24 Stunden um 427 auf 3405 gestiegen. Tags zuvor waren 475 Menschen der Viruserkrankung erlegen. Damit verzeichnet Italien mehr Corona-Tote als China, wo 3245 Menschen gestorben sind.

Knapp zwei Drittel der Todesfälle hat die Lombardei zu beklagen, wo auch Bergamo liegt. Die von der Epidemie schwer gezeichnete Region rief mittlerweile die Regierung in Rom zu einer kompletten Sperre auf. "Es gibt keinen anderen Weg. Die Krankenhäuser sind am Ende der Kräfte, es gibt keine Therapie gegen Covid-19", sagte der Gesundheitsbeauftragte der Lombardei, Giulio Gallera, im Gespräch mit der römischen Tageszeitung "La Repubblica". Er kritisierte, dass immer noch zu viele Menschen auf den Straßen unterwegs seien. Das sei unannehmbar, befand der Politiker.

Verlängerte Restriktionen

Auch der lombardische Präsident Attilio Fontana wies in einem Radiointerview darauf hin. "Ich sehe Menschen, die spazieren gehen, und andere, die sterben, weil sie nicht atmen können." Zugleich bat Fontana um neue Beatmungsgeräte, um weitere Plätze auf den Intensivstationen schaffen zu können. Auf diesen befanden sich in Italien am Donnerstag fast 2300 Menschen.

Die an die Lombardei angrenzende Region Emilia Romagna hat bereits weitere Maßnahmen gesetzt: Sie schränkt Aktivitäten im Freien ein. So wurden alle Parks und Grünflächen geschlossen. Radfahren ist lediglich zum Erreichen des Arbeitsplatzes oder zum Einkaufen erlaubt. Beim Joggen und Spaziergehen mit Hunden müssen die Bürger unweit des eigenen Wohnorts bleiben. Das gilt zunächst einmal bis 3. April.

Die jetzt schon in Italien geltenden Beschränkungen könnten außerdem noch verlängert werden. Dass Schulen, Kindergärten und Universitäten über den 3. April hinaus geschlossen bleiben könnten, erklärte schon Bildungsministerin Lucia Azzolina. Denn auch nachdem die Epidemie ihren Höhepunkt erreicht haben und die Zahl der Infektionen zurückgehen werde, werde das Land nicht sofort zum normalen Leben zurückkehren können, betonte Ministerpräsident Giuseppe Conte. Er drohte mit Strafen für jene, die gegen die Ausgangssperre verstoßen.

Mangel an Ärzten

Der parteilose Premier kündigte an, dass seine Regierung an einem weiteren Wirtschaftspaket arbeite, das in rund zwei Wochen vorgestellt werden soll. Ziel sei es, mehrere Milliarden Euro für öffentliche Investitionen zur Verfügung zu stellen. Erst vor kurzem hatte das Kabinett ein Hilfspaket von rund 25 Milliarden Euro verabschiedet.

Akuter ist allerdings etwas anderes: Wegen der zunehmenden Zahl von Infektionsfällen werden Arzneimittel knapp. Dies berichtete die italienische Medikamentenbehörde AIFA auf ihrer Webseite. Sie sei in Kontakt mit Pharmakonzernen, um die Engpässe zu beheben.

Auch der Notstand bei Medizinern und Sanitätern wiegt schwer. Die geplante Eröffnung eines Feldkrankenhauses auf einem Messegelände in Bergamo mit 300 Betten, darunter 100 Plätze auf der Intensivstation, musste wegen Mangels an Ärzten und Krankenpflegern verschoben werden. Die italienischen Behörden appellierten an pensionierte Sanitäter und Ärzte, sich zu melden. Der Bedarf nach medizinischem Personal sei akut. Denn mehr als 2600 Menschen aus diesem Bereich haben sich laut einer Studie mit dem Coronavirus infiziert.

Unterdessen haben zahlreiche Textilunternehmen mit der Herstellung von knapp gewordenen Atemschutzmasken begonnen. Zehntausende Stück sind bereits dem italienischen Zivilschutz geliefert worden. Die Produktion soll in den kommenden Tagen auf hunderttausende Masken aufgestockt werden. (reu/apa/czar)