Am Montagabend sah Boris Johnson dann doch etwas beunruhigt aus. Rund 6000 bestätigte Corona-Fälle gab es zu diesem Zeitpunkt im Vereinigten Königreich, Tendenz stark steigend. In einer Rede an die Nation verkündete der Premier strenge Maßnahmen, wie sie auch in Österreich gelten - nur eben mit acht Tagen Verzögerung: Geschäfte, die nicht der Grundversorgung dienen, bleiben für mindestens drei Wochen geschlossen, das gilt auch für Schulen und öffentliche Orte wie Büchereien. Nur beerdigt werden darf weiter.

Die zeitverschobenen Reaktionen europäischer Regierungen auf die Coronavirus-Krise lassen sich von Süden Richtung Norden nachverfolgen, doch Johnson hat besonders lange mit den Maßnahmen gewartet. Noch am 1. März meinte er lapidar, dass sich das Virus "wohl noch weiter ausbreiten wird".

Eine Woche später besuchte Johnson gemeinsam mit seiner schwangeren Freundin und rund 80.000 weiteren Zuschauern ein Rugbyspiel in London. Lange verfolgte der Konservative die darwinistische Strategie, das Virus wüten zu lassen, bis sich in der Bevölkerung eine "Herdenimmunität" gebildet hat. Forscher des Imperial College in London warnten, dass dies zu 250.000 Toten führen könnte - ein Opfer, das der Premier politisch wohl nicht überlebt hätte. Das kaputtgesparte staatliche Gesundheitssystem NHS war schon vor dem Ausbruch der Conoravirus-Krise überlastet. Auf den Intensivstationen gibt es zu wenige Betten und Beatmungsgeräte, nach all den Unsicherheiten wegen des Brexit mangelt es an Ärzten und Pflegepersonal.

Drohungen aus EU

Ende vergangener Woche drohten zudem Frankreich und Belgien damit, ihre Grenzen zu Großbritannien zu schließen, sollte Johnson keine Maßnahmen gegen das Coronavirus treffen - mit verheerenden Folgen für die Lebensmittelversorgung: Rund 30 Prozent der in Großbritannien konsumierten Nahrungsmittel kommen aus der EU.

Johnsons Kehrtwende entspringt weder einer plötzlichen Einsicht ob der Gefahr durch das Coronavirus noch einem Anflug von Empathie. Der Premier hat schlicht verstanden, dass es um sein politisches Überleben geht - und dem wachsenden Druck durch seine eigene Partei und der Opposition schließlich nachgegeben.

Das führte langsam zu einem Umdenken. "Wir sind im Krieg gegen diese Krankheit", polterte der Premier vergangene Woche. Doch die Aussagen darüber, was nun zu tun sei, blieben widersprüchlich. Die Pubs bleiben offen, hieß es da etwa, aber man solle bitte nicht hingehen. Und so waren die Parks und Strände am Wochenende voll, U-Bahnen und Busse überfüllt, Restaurants und Kaffeehäuser gut besucht.

"Wenn Ihre Freunde Sie treffen wollen, sagen Sie nein", sagt Johnson dann am Montagabend, zwei Wochen nach dem ersten Corona-Toten auf der Insel. "Kaufen Sie nur das Nötigste wie Nahrungsmittel und Medikamente - und das so selten wie möglich."

Johnsons Brexit-Plan ist dahin

Ob das NHS der Krise standhält und welche Folgen die lange Verzögerungstaktik des Premiers haben wird, das wird sich in den kommenden Wochen weisen. Eines ist aber bereits klar: Johnsons Brexit-Plan ist mit der Coronavirus-Krise dahin. Die Gespräche mit Brüssel über ein Handelsabkommen liegen auf Eis, es gibt drängendere Probleme. Der Premier wird zunehmend unter Druck geraten, die Übergangsphase doch über Dezember hinaus zu verlängern. Dabei sollte es ein rasches Ende werden, ein harter Abschied von Europa und ein Aufbruch zu neuen Abenteuern. All das wird sich nun verzögern.