Der Präsident des Robert-Koch-Instituts (RKI), Lothar Wieler, schließt in der Corona-Pandemie drastische Zustände wie in Italien auch für Deutschland nicht aus. "Wir müssen jedenfalls damit rechnen, dass die Kapazitäten nicht ausreichen, ganz klar", sagte er der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung". "Wir können nicht ausschließen, dass wir hierzulande ebenfalls mehr Patienten als Beatmungsplätze haben. Ob es so kommt, ist Spekulation."

RKI-Chef Wieler mahnte ebenso wie Kanzlerin Angela Merkel zur Geduld. Beide reagierten damit auf die bereits laufende Debatte über eine Aufhebung der Beschränkungen. Frühestens nach Ostern sei zu beurteilen, wie die Maßnahmen wirkten, sagte Wieler, dessen Institut die deutsche Bundesoberbehörde für Infektionskrankheiten ist. "Im optimalen Fall sind die Krankenhäuser bis Ostern auf die maximale Kapazität hochgefahren, und die Maßnahmen bewirken, dass die Kurve abflacht. Da gibt es aber viele Unbekannte", sagte er. "Aus medizinischer Sicht möchte ich, dass wir alle die räumliche Distanzierung möglichst lange durchhalten. Wir stehen immer noch am Anfang der Welle, und ich kann nur alle auffordern, die Pandemie sehr ernst zu nehmen."

Mehr als 52.000 Infizierte

Er blende aber auch nicht aus, dass die Einschränkungen schwere Auswirkungen auf die Wirtschaft und das soziale Leben hätten. Wie die Maßnahmen wieder zurückgenommen würden, sei eine Entscheidung der Politik. "Neben medizinischen und epidemiologischen Aspekten werden auch ökonomische und kulturelle Aspekte berücksichtigt werden", sagte Wieler. Nach Angaben des Robert-Koch-Instituts sind in Deutschland 52.547 Coronavirus-Fälle registriert, 3965 mehr als am Vortag, wie das Institut mitteilte. Die Zahl der Todesfälle erhöhte sich demnach um 64 auf 389.

Schutzmaßnahmen zumindest bis 20. April

Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet mahnte, schon jetzt seien Überlegungen für einen Ausstieg aus den Beschränkungen im öffentlichen Leben nötig. "Der Satz, es sei zu früh, über eine Exit-Strategie nachzudenken, ist falsch", schrieb der CDU-Vizechef in der "Welt am Sonntag". Er stellte sich damit gegen die Kritik unter anderem von Merkel, die eine Diskussion über ein Ende der Kontaktverbote für verfrüht hält. Kanzleramtsminister Helge Braun erklärte, er sehe bis zum 20. April keine Lockerungen der bisher ergriffenen Maßnahmen. Finanzminister Olaf Scholz nannte dieses Datum ebenfalls und lehnte eine wirtschaftlich motivierte Lockerung der Maßnahmen ab. "Ich wende mich gegen jede dieser zynischen Erwägungen, dass man den Tod von Menschen in Kauf nehmen muss, damit die Wirtschaft läuft", sagte er der "Bild am Sonntag".

Deutsche Post bereitet Einschränkungen vor

Die Deutsche Post bereitet sich wegen der Corona-Pandemie auf "weitere Einschränkungen" ihrer Dienstleistungen vor. "Der Umgang mit solchen Einschränkungen ist uns in besonderen lokalen Quarantäne-Gebieten bereits vertraut", teilte die Deutsche Post am Sonntag mit. Bisher gebe es keine wesentlichen Einschränkungen der Brief- und Paketversorgung in Deutschland.

Nach Informationen der "Welt am Sonntag" sieht eine Notfall-Planung vor, dass in extremen Situationen in "geschlossenen Gebieten" lediglich Einschreibebriefe und Sendungen an Behörden oder Gesundheitseinrichtungen zugestellt werden. Ab einem Krankenstand bei der Post von 30 Prozent sollen demnach Briefe und Pakete nur noch an drei Tagen zugestellt werden. Ab einem Krankenstand von 80 Prozent sollen Zusteller nur noch einmal wöchentlich austragen. (reuters, dpa