Die Menschen in Moria leben schon lange mit der Angst. Sie fürchten sich vor der Zukunft, vor der Kälte, vor Krankheiten und vor Rechtsradikalen, die das Flüchtlingslager und seine Einwohner attackieren. Vor einigen Wochen ist für die Menschen in Moria eine neue Angst dazugekommen. Sie fürchten sich vor dem Coronavirus, das sich überall auf der Welt ausbreitet und die staatlichen Gesundheitssysteme herausfordert. Doch in Moria gibt es kein Gesundheitssystem. Ist das Virus einmal hier, wird es ungehindert wüten und zahlreiche Opfer fordern. Sich von anderen fernzuhalten und regelmäßig die Hände zu waschen, das ist hier unmöglich.

Mehr als 20.000 Menschen leben in Griechenlands größtem Flüchtlingslager auf der Insel Lesbos. Ausgerichtet ist Moria für gerade einmal 2800, die Bedingungen waren schon vor dem Ausbruch der Corona-Krise katastrophal: Die Menschen wohnen in Containern und notdürftig zusammengeflickten Zelten, viele haben überhaupt keine Behausung. Der schlammige Boden ist übersät mit Dreck, überall liegt Müll. Mittlerweile werden sogar Nahrungsmittel knapp. Rechtsradikale hatten das Flüchtlingslager angegriffen und Depots angezündet.

Eine Handvoll Ärzte tut ihr Möglichstes, um das Schlimmste zu verhindern. Die hygienischen Bedingungen im Lager sind katastrophal, Krankheiten breiten sich rasch aus. Abstand zu halten ist hier unmöglich, die Menschen leben dicht gedrängt. Überall stehen sie Schlange: Bei der Essensausgabe, vor den Brunnen, vor dem Container der Ärzte ohne Grenzen (MSF). Mehr als 1000 Menschen teilen sich eine Wasserstelle, oft bleiben die Quellen trocken. Auf eine Dusche kommen 200, auf eine Toilette mehr als 160 Personen. Die Menschen leiden unter Krätze und Läusen, viele haben Durchfall und andere Krankheiten, die mit der schlechten Hygiene zu tun haben.

Nach dem kaltfeuchten Winter sind viele angeschlagen, Mangelernährung und Atemwegserkrankungen, schwächen zusätzlich, zahlreiche Menschen kämpfen mit psychischen Problemen und Traumata. Fast die Hälfte der Einwohner Morias sind unter 18 Jahre alt, hunderte davon sind ohne ihre Eltern hier. "Ich sah 13-jährige Buben mit Lungenentzündung draußen unter Olivenbäumen schlafen", sagt eine Krankenschwester zum "Guardian".

Europa hat die Flüchtlinge ihrem Schicksal überlassen

Viele harren seit Jahren hier aus, rund 35.000 Menschen leben insgesamt in den Lagern auf den Ägäis-Inseln - ohne jegliche Perspektive. Jetzt kommt die Angst vor dem Coronavirus hinzu.

Seit Wochen warnen Hilfsorganisationen, dass Covid-19 in den Lagern für weit mehr Tote sorgen würde als in der restlichen Bevölkerung. Seit Monaten fordern sie, dass die Lager evakuiert werden. Doch wohin sollen die Menschen? Die griechische Regierung will sie nicht aufs Festland bringen - und die anderen Mitgliedstaaten bleiben untätig. Länder wie Tschechien, Ungarn und Polen wollten von Anfang an gar keine Schutzsuchende aufnehmen. Andere, darunter Österreich, vertreten die Ansicht, bereits genug geleistet zu haben.

Zwar hätten bald 1600 unbegleitete Kinder und Jugendliche aus den griechischen Lagern auf Deutschland, Frankreich und andere EU-Länder verteilt werden sollen. Doch die Corona-Krise verzögert diese Bemühungen. Europa, so scheint es, hat die Flüchtlinge längst ihrem Schicksal überlassen. Jetzt, in der Corona-Krise, sind die Regierungen mit der Eindämmung des Virus beschäftigt.

Auch in Moria wird versucht, Vorkehrungen zu treffen. Vor dem Lager gibt es einen medizinischen Container, in dem Infizierte isoliert werden sollen. Doch auf der gesamten Insel gibt es nur sechs Intensivbetten. Noch ist das Coronavirus nicht in den großen Lagern der Ägäis angekommen, doch es ist wohl nur eine Frage der Zeit, bis es auch hier auftaucht. In einem Flüchtlingslager nahe Athen wurden bereits 21 Infektionen mit dem Coronavirus diagnostiziert. Das Lager ist abgeriegelt, auch für die Menschen in den anderen Flüchtlingslagern gelten Ausgangsbeschränkungen.

In Moria hoffen viele, dass die strengen Maßnahmen, die Griechenland vergleichsweise früh getroffen hat, eine Epidemie im Land verhindern. Bisher sind lediglich rund 1400 Krankheitsfälle bestätigt, 51 Menschen sind gestorben. Und auf Lesbos gibt es lediglich eine Handvoll Covid-19-Patienten.

Die Menschen in Moria fürchten sich dennoch. Einige Frauen haben sich nun zusammengetan, um Atemschutzmasken zu nähen. Es ist ein Akt der Selbsthilfe. Doch ohne Hilfe von außen bleibt die große Gefahr für die Menschen in Moria bestehen.