Im Sommer 2017 erlebt Jeremy Corbyn einen Höhenflug. Bei seinem Auftritt am Musikfestival Glastonbury wird der Labour-Chef gefeiert wie ein Rockstar. "Oh Jeremy Corbyn", rufen die Menschen zu Tausenden, bald wird es die neue Hymne Labours werden. "Die Eliten liegen falsch!", ruft Corbyn, "ihr seid viele, sie sind wenige!". Die Menge jubelt. Es sind hauptsächlich junge Leute, die Hoffnung der britischen Sozialdemokratie lebt wieder auf. Nach langen Jahren der Sparpolitik, des sogenannten "Dritten Weges" des Labour-Premiers Tony Blair, soll die Partei zu den alten Werten zurückkehren: eine Umverteilung nach unten, mehr soziale Gerechtigkeit, ein Ende der Austerität.

Kurz vor Glastonbury hatte Corbyn seiner Partei bei den vorgezogenen Parlamentswahlen einen Überraschungserfolg beschert. Labour gewann 30 Sitze dazu und lag nur zwei Prozentpunkte hinter den konservativen Tories. Mithilfe der Graswurzelbewegung "Momentum" wurde Corbyn zur linken Kultfigur. Sein Gesicht zierte T-Shirts und Tassen, die Menschen strömten in Scharen zu Labour. Quasi über Nacht waren die britischen Sozialdemokraten eine der erfolgreichsten politischen Bewegungen Europas geworden.

Doch der Jubel war bald wieder verhallt. Eineinhalb Jahre später, im Dezember 2019, fuhr Labour bei den Neuwahlen eine vernichtende Niederlage ein, Corbyn trat als Parteichef ab. Was war geschehen?

Vom Parteirebell zum "Lexiteer"

Wer Corbyns rapiden Abstieg verstehen will, muss einen Blick auf seinen Schlingerkurs beim EU-Austritt werfen. Ob der Labour-Chef den Brexit nun wollte oder nicht, das ist nach wie vor unklar. Den EU-Austritt schien er zu begrüßen, solange er nicht dafür verantwortlich gemacht wird. Vor dem Brexit-Referendum 2016 hatte er sich nur halbherzig für den Verbleib eingesetzt. Als alter Linker war Corbyn schon immer ausgesprochen EU-kritisch. In Brüssel sieht er das Zentrum einer imperialistischen Staatengemeinschaft. Daheim in London stimmte er im Unterhaus bei jeder Gelegenheit gegen die EU: Beim ersten Brexit-Referendum 1975 und später gegen die Verträge von Maastricht (1993) und Lissabon (2008).

Als Labour Ende der 1990er Jahre unter Tony Blair den "Dritten Weg" einschlägt, wird Corbyn zum Parteirebell. Blairs Politik unterscheidet sich nicht wesentlich vom Thatcherismus: Es wird weiter gespart, das Sozialsystem wird "reformiert", der Arbeitsmarkt "flexibilisiert" - der Dritte Weg soll den neoliberalen Kapitalismus mit der Sozialdemokratie verbinden. Corbyn ist dagegen – und bleibt in Opposition, selbst, als Labour regiert.

Im Unterhaus stimmt er 428 Mal gegen die eigene Partei. Er ist gegen Privatisierungen, gegen die Kriege in Afghanistan und im Irak. Corbyn tritt für eine Verstaatlichung des öffentlichen Sektors ein und will die Sparpolitik beenden. Nach der Wahlniederlage Blairs und harten Jahren in der Opposition wählt die Basis Corbyn 2015 mit überwältigender Mehrheit zum Parteichef. Er soll den Dritten Weg beenden und die Partei wieder nach links führen.

Seine Kritiker warfen ihm vor, die Partei in Geiselhaft genommen zu haben, doch das interessiert Corbyn lange nicht, immerhin hat er die Basis hinter sich. Rasch weitet er die Kontrolle des linken Flügels in der Partei aus und setzt seine Leute an hohe Posten. Moderate Labour-Politiker halten Corbyn zwar für nicht regierungsfähig. Doch sie haben ihm nichts entgegenzusetzen.

Schädliche Neutralität

Das Chaos nach dem Brexit-Referendum stürzt auch Labour in eine Krise. In Zeiten des internen Krieges bei den Tories hatten sich viele Proeuropäer auf der Insel eine starke Opposition gewünscht, die sich für den Verbleib in der EU einsetzt. Doch Corbyn schlingert. Dem Labour-Chef gelingt es nicht, die Schwächen der Tories, die zahlreichen Lügen und Skandale, für sich zu nutzen. Beim EU-Austritt sind die Konservativen zerrissen, doch um Labour steht es nicht viel besser. "Lexiteers", also Linke, die den Brexit wollen, sind zwar in der Minderheit. Doch das interessiert Corbyn wenig.

Dass eine Mehrheit in seiner Partei gegen den Brexit ist und ein zweites Referendum fordert, ignoriert er – und wechselt beim Umgang mit dem EU-Austritt mehrmals den Kurs. Lange scheint Corbyn gar keine Position zum Brexit zu haben. Später fordert er, das Austrittsabkommen mit Brüssel neu zu verhandeln und danach das Volk noch einmal zu befragen. Wie er selbst abstimmen würde, will Corbyn nicht verraten.

Und es kommt bekanntlich auch ganz anders: Im Dezember 2019 gewinnen die Konservativen die Neuwahlen, Premier Boris Johnson zieht den Brexit Ende Jänner durch und Labour verschwindet in der Versenkung.

Ein Neuanfang mit Keir Starmer

Zuletzt war die Partei vor allem mit sich selbst beschäftigt. Nun soll es einen Neustart geben. Am Samstag wählen die rund 580.000 Mitglieder einen neuen Parteichef, die besten Chancen werden Keir Starmer eingeräumt. Nach den Jahren interner Auseinandersetzungen soll der 57-Jährige die Partei nun wieder einen.

Einfach wird es nicht für die britischen Sozialdemokraten. Traditionelle Labour-Hochburgen gingen bei den Wahlen im Dezember an die Konservativen. Hinzu kommt die Corona-Krise, die alles andere überschattet. Im Vorfeld der Wahlen zum neuen Labour-Chef hat Starmer noch einmal klargemacht, dass er deutlich proeuropäischer ist als Corbyn. Doch die Kehrtwende, sollte es denn eine geben, käme reichlich spät: Der Brexit ist vollzogen und die Verhandlungen mit Brüssel über die künftigen Beziehungen liegen wegen der Corona-Krise erst einmal auf Eis.

Indes ist Corbyn in den vergangenen Wochen noch einmal abgestürzt, sein Ruf ist selbst in der eigenen Partei dahin. Opportunismus kann man ihm allerdings nicht vorwerfen, Corbyn vertritt seit Jahrzehnten dieselben Positionen. Als Sozialist ist er kompromisslos, auf populistische Slogans hat er dennoch nie gesetzt. Auch auf persönliche Angriffe hat er sich nicht eingelassen, Corbyn gilt als ehrliche Haut. Soziale Themen – das Gesundheitssystem, die Wohnungsnot, Pensionen – besetzte er bis zuletzt. Doch mit seinem Schlingerkurs in Sachen Brexit hat Corbyn die Partei nachhaltig geschwächt. Der Enthusiasmus war rasch vorbei, viele junge Menschen wandten sich enttäuscht ab. Während den Konservativen das Hickhack um den EU-Austritt nicht geschadet hat, lässt sich das für Labour nicht behaupten. In die Geschichtsbücher wird Corbyn als Parteichef eingehen, der den Brexit geschehen ließ.