Noch dominieren in Italien die Warnungen. Denn obwohl die Zahl der Neuinfektionen mit dem Coronavirus zuletzt ebenso zurückgegangen ist wie der Ansturm auf die Intensivbetten, ist man alles andere als über den Berg. Tag für Tag sterben noch immer mehrere hundert Menschen im Land - vor allem in der schwer betroffenen Lombardei, aber auch in vielen anderen Provinzen. "Wir müssen weiterhin auf der Hut sein", sagt Zivilschutzchef Angelo Borrelli, der die Italiener jeden Abend um 18 Uhr in einer Pressekonferenz über die neuesten Fallzahlen informiert.

Von einer Lockerung, wie sie nun Österreich für die Zeit nach Ostern plant, ist man in Italien daher noch weit weg. So erwägt die Regierung in Rom derzeit, die Schulen erst im September wieder zu öffnen. Doch gleichzeitig ist auch klar, dass das Land weitere Wochen oder gar Monate unter Lockdown-Bedingungen kaum durchhalten würde. Allein der großflächige Produktionsstopp bei den italienischen Unternehmen bedeutet laut dem Statistikamt Istat einen Umsatzverlust von 100 Milliarden Euro pro Monat. Von den gesellschaftlichen und psychosozialen Kosten der Ausgangssperren ganz zu schweigen.

Venetien als Testlabor

Entsprechend intensiv wird daher in Italien nach Möglichkeiten gesucht, zumindest gewisse Personengruppen von den strengen Quarantänevorschriften auszunehmen und Teile der Wirtschaft wieder hochzufahren, ohne eine erneute Ansteckungswelle auszulösen. Und dafür ziehen Gesundheitsexperten und Politiker mittlerweile auch schon Ideen in Betracht, die vor nicht allzu lange Zeit lediglich einen Platz in dystopischen Romane oder düsteren Science-Fiction-Filmen hatten. Denn künftig könnten in Italien der Immunstatus eines Menschen und das Vorhandensein von Antikörpern gegen das Coronavirus darüber entscheiden, ob der Betreffende sich nahezu frei bewegen kann oder in häuslicher Isolation bleiben muss.

So hat Luca Zaia, der konservative Gouverneur der an die Lombardei grenzenden Region Venetien, bereits vor einigen Tagen die Idee einer eigenen Covid-Lizenz für Italiener, die dank der Ausbildung von Antikörpern nicht mehr ansteckend sind, ins Spiel gebracht. Und ganz ähnlich hat sich auch schon Matteo Renzi, der von 2014 bis 2016 Premierminister war, geäußert.

Die Idee eines speziellen und mit Privilegien verbundenen Attests ist aber längst nicht mehr nur ein reines Gedankenspiel. So ist in Venetien am Montag damit begonnen worden, knapp 3000 Beschäftigte im Gesundheitssektor systematisch auf Corona-Antikörper zu testen. Sobald diese Untersuchungen abgeschlossen sind, sollen auch Mitarbeiter und Bewohner von Pflege- und Altersheimen sowie öffentliche Bedienstete, die Kontakt mit der Bevölkerung haben, getestet werden. Insgesamt sollen so in den kommenden Wochen knapp 100.000 Blutproben in Venetien genommen werden. Das Ziel sei, alle jene, die Antikörper aufweisen und derzeit nicht arbeiten, wieder zurück in ihre Jobs zu bringen, sagt Zaia.

Ungeklärte ethische Fragen

Die organisatorischen und logistischen Herausforderungen, die mit der Testung von 100.000 Menschen einhergehen, dürften für das wohlhabende Venetien jedoch nicht das größte Problem darstellen. Denn die Wissenschaft ist sich derzeit zwar ziemlich sicher, dass Menschen mit Antikörpern auch tatsächlich immun sind, doch viele Experten hegen im Augenblick noch Zweifel an der Verlässlichkeit der verfügbaren Antikörper-Tests. So sind viele von ihnen gerade erst auf den Markt gekommen und es gibt daher dementsprechend keine Langzeiterfahrungen. Für Luca Zaia gibt es aber dennoch keine Alternative: "Manche sagen, dass die Tests funktionieren, manche sagen, dass sie nicht funktionieren", sagt Venetiens Gouverneur. "Es muss alles geprüft und validiert werden, aber das ist bei der Entwicklung eines Impfstoffes auch nicht anders."

Ein große Unbekannte ist aber nicht nur die Verlässlichkeit der Tests. Kaum eine Antwort gibt es in Italien derzeit auch auf die zahlreichen ethischen Fragestellungen, die mit einer eigenen Covid-Lizenz verbunden wären. Denn mit der Austellung eines Immunitätszertifikats eröffnet man nicht nur einer kleinen Gruppe den Weg zurück in die Normalität, die vielen anderen versperrt bleibt. Die Gesellschaft wird auch implizit in "Starke" und "Schwache" geteilt. Beides zusammen könnte zu durchaus kontraproduktiven Effekten führen. So ist laut den Ökonomen David Stadelmann, Reiner Eichenberger und Rainer Hegselmann, die sich in einem Thesenpapier ebenfalls für einen Immunitätspassierschein aussprechen, nicht auszuschließen, dass mit der Privilegierung der Immunen ein Anreiz geschaffen werde, sich bewusst zu infizieren.