Es hätte die größte Militärparade in der Geschichte Russlands werden sollen - doch dann kam Corona. Die Vorbereitungen für die Siegesfeiern zum Ende des Zweiten Weltkriegs vor 75 Jahren waren längst angelaufen. Zahllose internationale Gäste sollten auf dem Roten Platz versammelt werden, darunter auch Österreichs Bundespräsident Alexander Van der Bellen.

Doch wütet die Pandemie derzeit gerade in Russland besonders heftig. Die öffentliche Gedenkfeier musste auf einen unbestimmten Zeitpunkt verschoben werden, Präsident Wladimir Putin rief die Russen dazu auf, die Feiern innerhalb der eigenen vier Wände zu begehen.

Ein Rückschlag für den russischen Machthaber, der die Gelegenheit ergreifen wollte, nationale Stärke zu demonstrieren. So sollte die historische Siegesparade vom 24. Juni 1945 überboten werden. Damals marschierten die Soldaten der siegreichen Roten Armee zwei Stunden lang an Diktator Josef Stalin vorbei. Am 9. Mai 2020 wird es bei einer schlichten Kranzniederlegung und Rede bleiben.

"Viren auch im Krieg"

Andere Staatschefs lassen sich von ihren ambitionierten Plänen nicht so leicht abbringen. Weißrusslands Präsident Alexander Lukaschenko etwa ist der Ansicht, dass man die geplante Parade nicht so einfach absagen könne. Schließlich, so Lukaschenko, seien zahllose Menschen auch im Krieg an Viren und anderen Krankheiten gestorben. "Sie starben für uns, egal wie schlimm das auch klingt." Immerhin will Weißrusslands Präsident "niemanden zwingen", der Parade beizuwohnen.

Enttäuschung macht sich derzeit in Großbritannien breit. Vor dem Hintergrund des eben erst erfolgten Brexit sollten die Siegesfeiern Ausdruck eines neuen nationalen Selbstbewusstseins sein.

Volle drei Tage hätten die Feiern zum "Siegestag in Europa", dem "VE-Day" dauern sollen. Geplant waren landesweit zahlreiche Veranstaltungen mit Volksfest-Charakter. Die letzten noch lebenden Veteranen hätten teilnehmen sollen - doch gerade diese Menschen dürfen sich jetzt auf keinen Fall in die Öffentlichkeit wagen.

Die Pubs hätten länger offenhalten dürfen als sonst - ein seltenes Zugeständnis. Veranstaltungen im Londoner St. James Park mit zahllosen Verkleideten hätten an das Leben in Kriegszeiten erinnert.

Virtuelles Singen

Auch waren Sportveranstaltungen aller Art geplant, um die "Helden von damals" zu ehren. Die historische Sieges-Rede von Premierminister Winston Churchill wäre um 15 Uhr Ortszeit an zahlreichen öffentlichen Orten zu hören gewesen.

Diese Events sind seit dem 20. März abgesagt. Ein großes Konzert mit dem Royal Philharmonic Concert Orchestra, das live in 450 britische Kinosäle hätte übertragen werden sollen, wurde vorerst auf den 20. September verschoben. Stattdessen soll es jetzt ein "virtuelles Sing-along" des Weltkriegshits "We will Meet Again" geben.

Den Organisatoren bleibt derzeit nur die vage Hoffnung, dass die Feiern auf den 15. August verlegt werden könnten. An diesem Tag endete der Krieg im Pazifik mit dem Sieg der USA über Japan.

Die Siegesfeiern in Frankreich waren bescheidener konzipiert. Immerhin ist die "Grande Nation" 1940 von der Wehrmacht rasch besiegt worden, und eine französische Regierung in Vichy hatte mit den Nazis kollaboriert. Erst später wurde Frankreich in den Kreis der Siegermächte aufgenommen.

Doch auch hier hätte es zahlreiche lokale Gedenkfeiern geben sollen. Ein Staatsakt mit Präsident Emmanuel Macron werde "im kleinen Kreis" erfolgen, hieß es.

In Deutschland - auch in Österreich - wurde der 8. Mai lange als Tag der Niederlage und nicht der Befreiung gesehen. Das hat sich in den letzten Jahren geändert. Der 8. Mai 2020 wurde vom Land Berlin sogar zum einmaligen Feiertag erklärt.

Privates Gedenken

Großveranstaltungen wird es in Deutschland trotzdem nicht geben. Der Staatsakt mit Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und ausländischen Gästen wurde gestrichen, Gedenkaktionen an verschiedenen Berliner Erinnerungsorten, wie dem Brandenburger Tor, ebenfalls.

In Belgien hat man sich indes etwas Besonderes einfallen lassen. So wird es am 8. Mai um 23.01 Uhr einen "nationalen Moment der Erinnerung" geben. Das "War Heritage Institute" in Brüssel hat alle Belgier aufgerufen, Bilder des privaten Gedenkens auf die Facebook-Seite des Instituts zu stellen.