Belgien verzeichnet wegen der Corona-Pandemie eine Übersterblichkeit von historischem Ausmaß. "April 2020 war der tödlichste April seit dem Zweiten Weltkrieg, sowohl in absoluten Zahlen als auch pro Einwohner", erklärten Forscher der Freien Universität Brüssel (VUB) am Montag. Demnach sind die überzähligen Todesfälle "aller Wahrscheinlichkeit nach vollständig auf Covid-19" zurückzuführen.

Den Forschern zufolge starben im vergangenen Monat in Belgien knapp 15.000 Menschen - rund 6.000 mehr, als zu erwarten gewesen wäre. "Dabei ist der April einer der Monate, in denen die Sterblichkeitsrate normalerweise sinkt, weil sie aufgrund von Grippeepidemien während der Wintermonate Jänner, Februar und März höher ist", sagte Patrick Deboosere, Professor für Demografie an der VUB.

Debooseres Team geht davon aus, dass das neuartige Coronavirus besonders in der Altersgruppe der 65- bis 84-Jährigen für viele vorzeitige Todesfälle verantwortlich war. In stark von der Pandemie betroffenen Gebieten, darunter die Städte Mons, Brüssel, Hasselt und Lüttich, ist auch die Übersterblichkeit in der Altersgruppe von 45 bis 64 Jahren merklich erhöht.

Eine der höchsten Pro-Kopf-Raten weltweit

Belgien mit seinen 11,5 Millionen Einwohnern ist von der Coronavirus-Pandemie stark betroffen. Bis Montag wurden 55.559 Infektionen mit dem neuartigen Erreger registriert, 9.080 Menschen starben. Das ist eine der höchsten Pro-Kopf-Todesraten weltweit.

Die Behörden verweisen in diesem Zusammenhang auf besondere Genauigkeit bei der Erfassung der Corona-Toten. Todesfälle in belgischen Altersheimen fließen häufig in die Corona-Statistiken ein, auch wenn nicht zweifelsfrei erwiesen ist, dass der Tote tatsächlich Träger des Virus war oder daran starb.

Laut Deboosere spricht die deutlich erhöhte Übersterblichkeit dafür, dass Belgien mit seiner speziellen Zählweise näher an der Realität liegt als viele andere Länder. "Auf internationaler Ebene müssen die Zahlen für mehrere Länder in Zukunft möglicherweise nach oben korrigiert werden."

Ohne Lockdown noch schlimmer

Der Professor sieht zudem Hinweise für positive Auswirkungen der Mitte März eingeführten weitreichenden Einschränkungen des öffentlichen Lebens: "Dort, wo es die ersten Ausbrüche gab, in Mons und (der Provinz) Limburg, ist die Sterblichkeitsrate am höchsten, weil sich das Virus schon verbreitet hatte." Ohne die Ausgangssperre wäre es noch schlimmer gekommen, ist sich Deboosere sicher.

Die strengen Schutzmaßnahmen sind am Montag weiter gelockert worden. So dürfen die Belgier nun wieder zum Friseur gehen und die Schulen nehmen nun nach und nach wieder den Unterricht auf.