Nach zehn Wochen des Lockdowns strömten die Italiener am Montag nach draußen: Auf einen Cappuccino ins Café gehen, sich die Haare schneiden lassen oder einkaufen gehen - all das ist nun wieder möglich. "Ich habe jetzt schon 150 Kundentermine, alle sehr dringend", sagte Stefania Ziggiotto, Frisörin im Alpinort Courmayeur im Aostatal, zur Nachrichtenagentur Reuters. Für die kommenden drei Wochen sei sie komplett ausgebucht. Für Unternehmerinnen wie Ziggiotto ist die vorsichtige Öffnung der Wirtschaft lebenswichtig. Doch werden damit noch lange nicht alle Probleme gelöst. Befürchtet wird etwa, dass viele Italiener aus Angst vor einer zweiten Ansteckungswelle weiterhin zu Hause bleiben.

Nach Druck der Bischöfe sind auch Gottesdienste mit Gläubigen wieder erlaubt. Das erste Mal seit dem 10. März durften am Montag wieder Menschen auf den Petersplatz. Nach der Frühmesse des Papstes im Petersdom zu Ehren des 100. Geburtstags von Johannes Paul II. (1920-2005) standen Pilger vor dem Eingang der größten Kirche der Welt Schlange. Strenge Regeln gelten auch hier: So darf nur eine begrenzte Zahl von Gläubigen in die Kirchen; auf Gebetsbücher und Chöre wird verzichtet. Am Eingang gibt es statt Weihwasser Desinfektionsmittel, Atemschutzmasken müssen auch während der Messe getragen werden.

Reisen nur in der Heimatregion

Mit den Öffnungen wurde am Montag ein wichtiger Schritt Richtung Normalität gesetzt. Doch eine wichtige Beschränkung bleibt bestehen: Das Reisen ist nur innerhalb der einzelnen Regionen uneingeschränkt möglich. Zwar hat die Regierung in Rom angekündigt, die Grenzen am 3. Juni wieder zu öffnen und landesweites Reisen zu ermöglichen. Doch mit einem Ansturm aus dem Ausland ist nicht zu rechnen - und so bleiben viele vom Tourismus abhängige Betriebe weiterhin geschlossen.

Deshalb machen die Regionen nun Druck auf die Regierung, die Aufhebung der Reisebeschränkungen vorzuverlegen. Der Präsident der Region Ligurien, Giovanni Toti, meinte, Ausländer seien für Italiens Tourismus von lebenswichtiger Bedeutung. Ligurien könne nicht nur vom Binnentourismus leben. "Dies würde in unserer Region 100.000 Jobs gefährden. Wir hoffen, dass uns bald wieder ausländische Touristen besuchen können", sagte Toti. Auch die Lombardei und Venetien drängen auf mehr Reisefreiheit in Italien.

Die oppositionelle rechte Lega attackierte die italienische Regierung von Premier Giuseppe Conte, die ihrer Ansicht nach zu wenig für den Fremdenverkehr unternommen habe. Die Lega kritisierte auch Österreich und Deutschland, die EU-Korridore für Touristen schaffen würden.

8 Prozent Wirtschaftseinbruch und Sorge vor Ausverkauf

Laut Regierungsangaben steht der Wirtschaft des Landes heuer ein Einbruch von mindestens 8 Prozent bevor - die schlimmste Rezession seit dem Zweiten Weltkrieg. Laut Insidern plant die Regierung nun einen neuen 44 Milliarden Euro schweren Hilfsfonds. Eine erste Tranche von mindestens 4 Milliarden Euro solle zum Kauf von Anteilen an strategisch wichtigen Unternehmen genutzt werden, sagten zwei Personen, die mit den Überlegungen vertraut sind, am Donnerstag der Nachrichtenagentur Reuters. Wichtige Branchen stehen wegen der Pandemie stark unter Druck. Die Regierung will Firmen vor unerwünschten Übernahmen aus dem Ausland schützen.

Premier Giuseppe Conte kündigte im Parlament als Reaktion auf die Virus-Krise wirtschaftspolitische Reformen an. Bürokratie solle abgebaut, die Führung von Unternehmen verbessert und Investitionen erleichtert werden. Es werde ein "Vereinfachungsdekret" geben, um Kapital aus dem Ausland anzuwerben. Von der Pandemie stark getroffene Firmen sollen zudem Kapitalhilfen bekommen. Ausufernde Bürokratie sowie wenig arbeitgeberfreundliche Vorgaben gelten als ein Grund, warum sich die Wirtschaft in Italien seit Jahren nicht so gut entwickelt wie in vielen anderen Ländern Europas.

Der Konsum in Italien ist im April um 47,6 Prozent eingebrochen. Am stärksten betroffen sind laut dem Handelsverband Confcommercio Kleinhandel und Tourismus. Italien werde noch lang die schmerzhaften Auswirkungen des Einkommensrückgangs zu spüren bekommen, so der Verband.

Dritthöchste Todesrate

Italien ist besonders hart von der Corona-Krise betroffen. Rund 32.000 Menschen sind dem Virus zum Opfer gefallen - es ist die dritthöchste Todesrate nach den USA und Großbritannien. In Norditalien, wo das Virus eine Rekordzahl an Opfern forderte, hat die Krise tiefe Wunden gerissen. In der Provinz Bergamo starben rund 3000 Menschen an Covid-19, hier ist der Neustart besonders schwierig. In einigen Gemeinden waren die Todesraten im März bis zu zehnmal höher als im Vergleichszeitraum des Vorjahres. Der Schmerz ist alles andere als überwunden - und die Angst vor einer zweiten Ansteckungswelle ist groß.

Vorerst ist die Zahl der Corona-Toten pro Tag in Italien leicht gesunken. Am Donnerstag wurden vom Zivilschutz 156 neue Verstorbenen binnen 24 Stunden gemeldet, am Vortag waren es 161 gewesen. Die Zahl der aktiv Infizierten fiel in 24 Stunden von 62.753 auf 60.960. Die Zahl der Covid-19-Patienten in Italiens Spitälern sank auf 9.269, jene auf den Intensivstationen auf 640, um 36 weniger als am Vortag. In Heimisolation befanden sich am Donnerstag noch 51.051 Personen. Die Zahl der Genesenen stieg auf 134.560.

Italiens Premier rief seine Landsleute zur weiteren Einhaltung der der Sicherheitsmaßnahmen auf. "Der Weg bis zum Ende der Epidemie ist noch lang und wir dürfen nicht nachgeben", so Conte in einem offenen Brief an die Italiener.(reu/apa)