Ein Nährwertlogo auf Lebensmitteln, weniger Pestizide auf dem Acker, mehr Schutz für die bedrängte Natur: Europa soll nach dem Willen der EU-Kommission zum weltweiten Vorreiter für nachhaltige Ernährung und biologische Vielfalt werden. Heute, Mittwoch, legte die Behörde ihre Pläne als Teil des europäischen "Green Deal" für ein klimaneutrales Europa bis 2050 vor.

Sie dürften sich auf die Ernährung von Millionen Verbrauchern auswirken. Der Kampf gegen den Klimawandel ist für die EU-Kommission unter Präsidentin Ursula von der Leyen Topthema, stand aber zuletzt im Schatten der Corona-Krise. "Die Coronakrise hat gezeigt, wie verletzlich wir alle sind und wie wichtig es ist, die Balance zwischen dem menschlichen Handeln und der Natur wiederherzustellen", sagte der für Klimaschutz zuständige EU-Kommissionsvizepräsident Frans Timmermans bei der Präsentation.

Die EU soll nachhaltiger werden, kündigte Kommission-Vizepräsident Frans Timmermans an. - © APAweb / Reuters
Die EU soll nachhaltiger werden, kündigte Kommission-Vizepräsident Frans Timmermans an. - © APAweb / Reuters

Die "Farm-to-Fork"-Strategie, die als Richtlinie für künftige Gesetzesvorschläge gelten soll, empfiehlt die Reduktion des Einsatzes von chemischen und gefährlichen Pestiziden in der europäischen Landwirtschaft bis 2030 um die Hälfte, was unter anderem zum Schutz von Pollenträgern wie Bienen beitragen soll. Durch eine Reduktion des Nährstoffverlustes um mindestens fünfzig Prozent soll die Bodenfruchtbarkeit erhalten und der Einsatz von Düngemittel um mindestens 20 Prozent bis 2030 verringert werden können.

Des Weiteren soll der Verkauf von Antibiotika für Nutztiere und Aquakulturen bis zu diesem Datum um die Hälfte reduziert werden. Für den biologischen Landbau gilt ein Anteil von 25 Prozent an den landwirtschaftlichen Flächen als Ziel, auch zur Eindämmung der Verschwendung von Lebensmitteln ist die Einführung von Richtwerten geplant. Zudem kündigte die EU-Kommission einheitliche Nährwertlogos auf allen Lebensmittelverpackungen an.

Mit der Biodiversität-Strategie will die EU-Kommission mindestens 30 Prozent der Land- und Meerflächen der EU in geschützte Gebiete verwandeln, wie EU-Umweltkommissar Virginijus Sinkevicius erklärte. Mindestens zehn Prozent der landwirtschaftlichen Nutzflächen sollen in "abwechslungsreichere Landschaften" umgewandelt werden. Zudem ist die Wiederherstellung von geschädigten Ökosystemen vorgesehen.

Köstinger will "Regionalitätsbonus" einführen

Landwirtschaftsministerin Elisabeth Köstinger (ÖVP) erwartet sich im Zuge dessen weiterhin Unterstützung für den österreichischen Weg. "Regionalität und gesunde, sichere Lebensmittel stehen für uns an oberster Stelle", teilte die Ministerin am Mittwoch mit.

Köstinger will einen "Regionalitätsbonus" einführen, um Produkte aus heimischer Erzeugung zu stärken und ihnen Vorrang zu geben. "An der genauen Ausgestaltung dieses Bonus arbeiten wir derzeit gemeinsam mit dem Finanzministerium", hieß es auf die Frage, wie dies mit EU-Recht vereinbar sei. Ziel sei, in Zusammenarbeit mit der Lebensmittelbranche "die Wertschätzung und somit die Wertschöpfung gegenüber regionalen Lebensmittel" zu steigern, um die nachhaltige Landwirtschaft in Österreich abzusichern.

Gewessler: "Wichtiger Schritt"

Auch Klimaschutzministerin Leonore Gewessler (Grüne) reagierte auf die Pläne. "Neben dem Klimawandel zählt das Artensterben zu den größten Bedrohungen für den Planeten und die Menschheit. Dass auch das Risiko für gefährliche Pandemien steigt, wenn wir natürliche Lebensräume zerstören oder in sie eindringen, hat uns gerade erst die Coronakrise vor Augen geführt. Die heute präsentierten Strategien sind ein wichtiger erster Schritt für mehr Artenvielfalt und auch zur Umsetzung des Green Deal", sagte Klimaschutzministerin Leonore Gewessler zu den Plänen der EU-Kommission. Diese werden in der nationalen Biodiversitätsstrategie berücksichtigt, kündigte die Ministerin an.

Unterschiedliche Stimmen waren aus der österreichischen EU-Delegation im Europaparlament zum "Farm-to-Fork"-Plan zu hören. Die ÖVP-EU-Abgeordneten Alexander Bernhuber und Simone Schmiedtbauer sind der Ansicht, dass neue Maßnahmen für die Landwirtschaft im Rahmen des Green Deals "realistisch" sein und finanziell abgegolten werden müssen. SPÖ, Grüne und NEOS begrüßten die Strategie mit Vorbehalten. "Hochrisiko-Pflanzengifte sollten aber überhaupt keine Zulassung mehr bekommen", rät der SPÖ-EU-Abgeordnete Günther Sidl.

Kritik von NGOs

Um einiges kritischer äußerten sich Umweltschutzorganisationen zu den Empfehlungen. Laut Greenpeace blende die EU-Strategie etwa den "Klimakiller Massentierhaltung" aus, durch die auch die Zerstörung von Urwäldern vorangetrieben werde.

"Solange die Europäische Kommission keinen Plan zur Reduktion der europäischen Massentierhaltung vorlegt, ist es unmöglich, die Ziele im Bereich Klimaschutz und Artenschutz zu erreichen", teilte Sebastian Theissing-Matei mit, Landwirtschaftsexperte bei Greenpeace in Österreich. Global 2000 wies hingegen auf die Notwendigkeit eines grundlegenden Systemwandels hin, der die Landwirtschaft "aus ihrer Abhängigkeit von chemischen Hilfsmitteln wie chemisch-synthetischen Pestiziden befreit", daher sei das Reduktionsziel der EU unausreichend.

Konträre Kritik kam von den Pflanzenschutzmittel-Herstellern: Die IndustrieGruppe Pflanzenschutz (IGP). Die Pflanzenschutzmittel-Hersteller wünschen sich eine stärkere Förderung von Innovation denn eine Verschärfung der Regeln. Die IGP sieht in der "Farm to Fork"-Strategie "ein falsches Signal in Zeiten der Krise". "Die Corona-Krise hat gezeigt, dass die europäische Landwirtschaft darin unterstützt werden sollte, eine Eigenversorgung mit Lebensmitteln sicherzustellen. Dazu bedarf es vor allem Maßnahmen im Sinne einer höheren Krisenresilienz", so Christian Stockmar, Obmann der IGP. Die Innovation komme als ein wesentlicher Faktor zu kurz, heißt es in einer Aussendung. (apa)