Wer hätte das gedacht, dass Venedig einmal offensiv um Touristen werben würde? "In diesen Tagen kann man ein einmaliges Venedig bewundern. Besucher haben sozusagen die Möglichkeit, ein Freilichtmuseum zu bewundern", sagte der Bürgermeister der Lagunenstadt, Luigi Brugnaro.

Denn zurzeit sind nur vereinzelt Urlauber dort anzutreffen. Ebenso ist die Lage laut italienischen Medienberichten an den Stränden. Das sorgt für idyllische Bilder, ist aber schlecht für die Kassa. Denn Italiens Wirtschaft lebt stark vom Tourismus, er macht etwa 13 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP) aus. Und weil Italien so hart von der Corona-Krise getroffen wurde und Alltag und Wirtschaft dort länger als anderswo stillstanden, bräuchte das Land die Einnahmen nun umso mehr.

Aber gerade weil die Pandemie sich in Italien so stark ausgebreitet hat - immer noch gab es Ende der Woche rund 38.000 Corona-Infizierte -, zögern viele europäische Staaten, wieder uneingeschränkte Reisefreiheit dorthin zu gewähren. So hatte Österreich bis Donnerstag seine Grenzen zu allen Nachbarländern geöffnet - mit der Ausnahme von Italien.

"Beschluss der Loyalität"

Der italienische Außenminister Luigi di Maio war deshalb selbst zu einer kleinen Europareise, nämlich nach Deutschland und in das Nachbarland Slowenien, aufgebrochen. "Das Ziel ist, allen zu zeigen, dass Italien bereit ist, ausländische Touristen zu empfangen", erklärte er.

Und bei seiner ersten Station hatte er gleich Erfolg: Deutschland schafft ab dem 15. Juni die Warnung für Reisen nach Italien ab. Dies kündigte der deutsche Außenminister Heiko Maas bei einer Pressekonferenz mit seinem Amtskollegen am Freitag in Berlin an. "Es handelt sich um einen Beschluss der Loyalität und der Transparenz gegenüber Italien, den wir schätzen", lobte Di Maio.

Wenig Verständnis herrscht in Italien hingegen dafür, dass Österreich mit der Grenzöffnung zu Italien zaudert. "Es ist unannehmbar und unbegreiflich dass die österreichischen Brüder Politiker haben, die sich querlegen, während schon die ersten Urlauber bei uns eintreffen. Wir sind nicht Europas Verpestete", donnerte der Präsident der norditalienischen Region Venetien, Luca Zaia.

Am Freitag war auf der Homepage des österreichischen Außenministeriums noch eine Reisewarnung für ganz Italien ausgeschildert. Europaministerin Karoline Edtstadler sagte aber der Südtiroler Zeitung "Dolomiten", dass sie zumindest eine partielle Öffnung der Grenzen zu Italien im Laufe des Juni für möglich halte.

Es scheint jedoch nur mehr eine Frage von Wochen oder Tagen zu sein, bis auch Österreich seine Grenzen zu Italien wieder ganz öffnet. Denn bei einem Treffen der EU-Innenminister am Freitag wurden die Weichen in Richtung einer europaweiten Grenzöffnung gestellt: Bis Ende Juni sollen nämlich innerhalb der EU alle wegen der Corona-Pandemie verhängten Einreisebeschränkungen Geschichte sein. Wie der deutsche Innenminister Horst Seehofer am Freitag nach einer Video-Konferenz mit seinen EU-Kollegen sagte, werde dann die "volle Freizügigkeit" im Schengenraum wieder hergestellt sein.

Die Mehrheit der EU-Staaten plane gar, alle Kontrollen zu EU-Ländern bis zum 15. Juni aufzuheben. Ein kleinerer Teil der EU-Staaten wolle die Kontrollen noch bis Ende Juni fortführen. Danach würden die Binnengrenzkontrollen aber "in ganz Europa zu Ende" sein, erklärte Seehofer. Auch die Schweiz, die Mitglied im Schengenraum, aber nicht der EU ist, kündigte am Freitag an, ihre Grenzen am 15. Juni für alle EU- und Efta-Staaten wieder zu öffnen.

Außengrenzen bis 1. Juli zu

Das weitgehende Einreiseverbot für Menschen aus Drittstaaten dürfte demnach um zwei Wochen bis zum 1. Juli verlängert werden. Hierzu werde die EU-Kommission kommende Woche einen Vorschlag machen. Danach werde es dann "eine differenzierte Lösung" je nach Infektionsgeschehen in den Ländern außerhalb Europas geben, sagte Seehofer. Er nannte dabei als Beispiele Brasilien, USA und Russland, wo noch viele Corona-Fälle verzeichnet werden.

Laut EU-Innenkommissarin Ylva Johansson sprachen sich viele Mitgliedstaaten für einen "koordinierten" europäischen Ansatz bei der Öffnung der Außengrenzen sowie für "klare Kriterien" aus. (dpa/apa)