Berlin/Wien. Vor einem halben Jahr erlitt Olaf Scholz (Bild) eine der größtmöglichen politischen Demütigungen. Der deutsche Finanzminister unterlag um den SPD-Vorsitz den beiden Randfiguren Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans. In der Corona-Krise gehören jedoch Scholz die Schlagzeilen. Das Führungsduo geht in der öffentlichen Wahrnehmung unter.

Seine einstigen Kontrahenten haben daraus die Konsequenzen gezogen. Sie wollen Scholz zum SPD-Kanzlerkandidaten im nächsten Bundestagswahlkampf 2021 machen, berichtete die "Zeit" am Mittwoch. "Wir haben im Präsidium verabredet, dass wir Gespräche führen und dann einen Vorschlag machen", richteten Esken und Walter-Borjans aus.

Plötzlich populär

Unbestritten ist Scholz derzeit der mit Abstand populärste Politiker der deutschen Sozialdemokraten. Kaum zufällig veröffentlichte parallel zum "Zeit"-Artikel das Boulevardblatt "Bild" eine Umfrage, wonach 85 Prozent der SPD-Mitglieder Scholz als geeigneten Kandidaten sehen. Walter-Borjans erreichte nur 17 Prozent, Esken war mit sieben Prozent Letztplatzierte (Mehrfachnennungen waren möglich). Mit der Co-Parteichefin - sie war als Bundestagsabgeordnete ab 2013 nur Hinterbänklerin - sind ganze 80 Prozent der Genossen unzufrieden.

Sollte Scholz im kommenden Wahlkampf tatsächlich antreten, trifft er auf einen neuen Spitzenkandidaten bei der konservativen Union aus CDU und CSU. Kanzlerin Angela Merkel hat ihren Rückzug für definitiv erklärt. Um den ebenfalls vakanten CDU-Vorsitz bewerben sich unter anderem Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet und der frühere Generalsekretär Friedrich Merz. Bayerns CSU-Ministerpräsident Markus Söder hat Ambitionen auf die Kanzlerkandidatur bisher verneint - alleine, die Beteuerungen werden ihm nicht abgenommen.

Scholz kommt in Krisenzeiten zugute, was Beobachter zuvor stets kritisiert hatten: sein unaufgeregter Politikstil. Am Mittwoch verkündete er die deutsche Rekord-Neuverschuldung in Höhe von 218,5 Milliarden Euro in diesem Jahr. Darauf einigte sich die schwarz-rote Regierung. Scholz nannte das Minus "verkraftbar" angesichts verantwortungsbewusster Haushaltspolitik in den vergangenen Jahren. Gegen den Willen der SPD-Linken verteidigte er das Nulldefizit. Und verschafft Deutschland nun mehr Spielraum in der Krise. (da)