Einen Mordanschlag hatte Zelimkhan Kangoshvili überlebt. Am 23. August 2019 starb jedoch der Tschetschene aus Georgien, getötet mit zwei Schüssen im Kleinen Tiergarten in Berlin. Von Vorgängen "wie bei einer Hinrichtung" sprachen Augenzeugen. Und von einem Täter, der kurz darauf im Gebüsch verschwand und danach das Fahrrad, mit dem er sich Kangoshvili genähert hatte, ebenso wie einen Beutel in der Spree versenkte.

Der mutmaßliche Mörder, Vadim Krasikov, wurde noch am Tag der Tat verhaftet. Am Donnerstag erhob die Bundesanwaltschaft Anklage gegen den Russen. Sie geht von einem staatlichen Tötungsauftrag der Regierung in Moskau aus: "Hintergrund des Tötungsauftrags war die Gegnerschaft des späteren Opfers zum russischen Zentralstaat, zu den Regierungen seiner Autonomen Teilrepubliken Tschetschenien und Inguschetien sowie zu der pro-russischen Regierung Georgiens."

Kangoshvili kämpfte im zweiten Tschetschenienkrieg (1999-2009), später auch in der Ukraine. Russland sieht in ihm ein Mitglied des dschihadistischen "Kaukasus-Emirats". Staatschef Wladimir Putin sprach nach Kangoshvilis Ermordung von einem "Banditen" und einem "Krieger, der in Russland gesucht wurde".

Gesucht wurde in Russland auch nach dem mutmaßlichen Mörder. Krasikov habe 2013 jemanden umgebracht. Später nahmen die Behörden die Fahndung zurück, fand ein Rechercheteam unter Beteiligung des deutschen "Spiegel" heraus. Die Journalisten wiesen nach, dass Krasikov vor dem Mord 2019 im Austausch mit Mitgliedern der Organisation Wympel stand. Diese sei ein Verein früherer Angehöriger einer Eliteeinheit des russischen Inlandsgeheimdienstes FSB.

Deutschlands Außenminister Heiko Maas nannte den Mordfall Kangoshvili am Donnerstag einen "schwerwiegenden Vorgang". Der russische Botschafter in Berlin sei deswegen zu einem Gespräch ins Auswärtige Amt geladen worden. "Die Bundesregierung behält sich weitere Maßnahmen in diesem Fall ausdrücklich vor", sagte Maas am Rande eines Treffens mit Österreichs Außenminister Alexander Schallenberg. Bereits im Dezember vergangenen Jahres wies Deutschland zwei russische Diplomaten aus aufgrund der mangelnder Bereitschaft Russlands, bei der Aufklärung der Tat zu helfen. Moskau reagierte mit der Ausweisung zweier deutscher Diplomaten. Auch will Berlin russische Hacker aufgrund deren Beteiligung an einem Cyberangriff auf den Deutschen Bundestag 2015 auf eine EU-Sanktionsliste setzen lassen. Im Visier steht die Cybereinheit 26165 des russischen Militärgeheimdienstes GRU, zu deren Zielen vermutlich auch das Mail-System der Demokratischen Partei in den USA und die Welt-Anti-Doping-Agentur gehörten.

Erinnerungen an den Fall Skripal

Zug um Zug verschärft Deutschland somit die Gangart. Sehr rasch war hingegen die britische Reaktion nach dem Anschlag auf den früheren Doppelagenten Sergej Skripal und dessen Tochter in Salisbury 2018. Beide wurden mit dem in der Sowjetunion entwickelten Kampfstoff Nowitschok vergiftet und überlebten nur knapp. Eine unbeteiligte Frau, die mit dem Gift in Kontakt kam, starb jedoch. Als Verdächtige galten ebenfalls Agenten des Militärgeheimdienstes GRU. Mehrere westliche Staaten, darunter auch die Vereinigten Staaten, wiesen kurz darauf russische Diplomaten aus.

"Es wird keine Normalisierung unserer bilateralen Beziehungen geben, bis Russland die destabilisierende Aktivität beendet, die Großbritannien und unsere Verbündeten bedroht", sagte der britische Premier Boris Johnson beim ersten persönlichen Treffen mit Putin seiner Amtszeit im Jänner. London beschuldigt die russische Regierung, den Anschlag als Vergeltung für Skripals Tätigkeit als Doppelagent veranlasst zu haben – was der Kreml zurückweist. Skripal war 2006 in Russland wegen des Vorwurfs des "Hochverrats" verurteilt worden. Wieder ist der GRU im Spiel: Dessen langjähriger Offizier kam vier Jahre später im Zuge eines Agentenaustauschs nach Großbritannien.

Der Fall erinnerte an die Vergiftung des ehemaligen KGB- und FSB-Offiziers Alexander Litwinenko. Er lief in den Nullerjahren zum britschen Geheimdienst über. Die Fotos des todkranken Litwinenko, dessen Körper mit der radioaktiven Substanz Polonium 210 verseucht war, gingen 2006 um die Welt.

Auch Tschechien weist Diplomaten aus

Aber nicht nur die wichtigen Nato- und (früheren) EU-Größen Deutschland und Großbritannien scheinen im Fokus der russischen Aktivitäten zu stehen. Anfang Juni wies Tschechien zwei Diplomaten aus. Auslöser der Affäre war ein Bericht, wonach ein russischer Diplomat einen Koffer mit dem tödlichen Gift Rizin ins Land geschmuggelt habe. Als potenzielles Opfer galt in tschechischen Sicherheitskreisen der Prager Bürgermeister Zdenek Hrib, der sich mit Kritik an der russischen Regierung einen Namen gemacht hat. So wurde der Platz vor der russischen Botschaft in Prag nach dem 2015 in Moskau erschossenen Oppositionspolitiker Boris Nemzow umbenannt.

Die Rizin-Affäre stellte sich als unwahr und interner Kampf zwischen Mitarbeitern der russischen Botschaft heraus. Doch kein Geheimdienst der Welt könne solche Hinweise ignorieren, rechtfertigte sich der tschechische Sicherheits- und Informationsdienst BIS. Denn: "Leider gehören auch Morde zum Arsenal der russischen Geheimdienste." (da/apa/reu)