Ischgl ist eigentlich nur ein kleines Tiroler Bergdorf. Aber jeden Winter wächst der Ort zu einer riesigen Skischaukel, in dieser Saison allerdings auch zu einer Virenschleuder. Ganz Europa war davon betroffen. Und das Ausmaß zeigt sich nun auch bei der serologischen Untersuchung in Ischgl selbst. Bei 42,2 Prozent wurden Antikörper gefunden. Nirgendwo sonst wurde bei einer derartigen Untersuchung ein höherer Wert entdeckt.

Die Beteiligung der Bevölkerung war enorm. "Es waren alle interessiert, zu verstehen, was in ihrem Ort los ist", sagt die Virologin und Studienleiterin Dorothee van Laer von der Medizinischen Universität Innsbruck. 79 Prozent aller Bewohner nahmen teil, insgesamt 1473 Personen aus 479 Haushalten, die von 21. bis 27. April getestet wurden. Dabei wurden Abstriche für PCR-Tests abgenommen sowie Blutproben für Antikörpertests.

Das Infektionsgeschehen hatte sich in Ischgl zu diesem Zeitpunkt schon deutlich beruhigt, mehr als ein Monat nach dem Lockdown. Durch Antikörpertests können aber auch vergangene Infektionen aufgespürt werden, und diese fanden sich bei 42,4 Prozent der Einwohner. Bei Kindern (214 Probanden) unter 18 Jahren betrug der Anteil 27 Prozent, also deutlich weniger, und Kinder waren auch öfter ohne Symptome. Allerdings sind Symptome bei (kleinen) Kindern auch schwieriger zu bestimmen. Einen signifikanten Unterschied zwischen Männern und Frauen fand man nicht.

Schnelle Verbreitung

Diese hohe Prävalenz zeigt, dass zumindest in einzelnen Regionen das Virus in kurzer Zeit durchmarschieren kann. Wann genau der erste (unbemerkte) Fall in Ischgl auftrat, konnte auch diese Studie nicht zeigen. Dass sich das ganze Infektionsgeschehen aber in nur wenigen Wochen abspielte, das fast die Hälfte der Bevölkerung infizierte, ist aber evident. Ischgl wurde am 13. März isoliert, drei Tage später ging ganz Österreich in den Lockdown, Kontaktsperren traten in Kraft.

Landeck mit den Skiorten Ischgl und St. Anton ist der am meisten betroffene Bezirk Österreichs. Noch Anfang April waren bei einem Screening in Ischgl 19 Prozent der Bevölkerung positiv getestet worden, wie Virologin von Laer erzählt. Am Ende desselben Monats konnten im Rahmen der Studie der MedUni Innsbruck nur mehr acht aktive positive Fälle entdeckt werden, wobei einige davon bereits Antikörper gebildet hatten. Seither sind gar keine Bewohner mehr positiv auf Sars-CoV-2 in Ischgl getestet worden.

In den kommenden Wochen werden weitere große Seroprävalenzstudien aus anderen Regionen Österreichs veröffentlicht werden. Sie werden jedoch sehr andere Ergebnisse bringen. Das Virus hat sich im Land sehr unterschiedlich verteilt.

Laut von Laer schilderten 25 Prozent der seropositiven Personen in Ischgl, gar keine Symptome gehabt zu haben. Der Anteil asymptomatischer Infizierter deckt sich in etwa mit den Daten aus der Reihenuntersuchung im stark betroffenen Bezirk Heinsberg in Deutschland, dort waren es rund 20 Prozent. Auch andere Erkenntnisse bestätigen frühere wissenschaftliche Untersuchungen, so berichtete ein Großteil der positiv Getesteten über Geschmacks- und Geruchsstörungen sowie über Fieber und Husten als Symptom. Auch diese Erkenntnisse sind wichtig, auch wenn sie nicht neu sein mögen.

Auffallend war die geringe Zahl der Hospitalisierungen. Immerhin waren mehr als 600 Personen infiziert, nur 9 mussten in einem Krankenhaus behandelt werden, einer davon auf einer Intensivstation. "Die Ischgler sind zäh", sagt von Laer, demnach hätten einige Verläufe daheim auskuriert, die anderswo sehr wohl in einem Krankenhaus behandelt worden wären. Zwei Personen starben, die Infektionssterblichkeit liegt demnach bei 0,26 Prozent. Das entspricht zwar auch anderen wissenschaftlichen Studien, "aber zwei Fälle sind keine sehr robuste Zahl", schränkt von Laer ein.

Epidemie ging nicht durch Herdenimmunität zurück

Die Aussage, das Ischgl schon nahe der Herdenimmunität ist, will die Virologin nicht tätigen. Mit Modellierungen wurde versucht zu verstehen, welche Faktoren zur Eindämmung des Virusgeschehens in dem Ort geführt haben, diese deuten nicht auf eine Herdenimmunität hin, die eher erst bei 60 bis 70 Prozent Infizierter eintritt. Der Rückgang im Infektionsgeschehen war eher auf die Kontaktbeschränkungen zurückzuführen.

Ob und wie lange nach überstandener Infektion eine Immunität besteht, ist noch Gegenstand der Forschung. Bei sogenannten Neutralisierungstests wurden in Ischgl teilweise hohe Titer gefunden, vereinfacht gesagt: viele Antikörper. "Man muss davon ausgehen, dass diese neutralisierenden Antikörper auch Immunität geben", sagt von Laer. Doch wie lange halten sie an? Eine rezente Studie aus China fand bei asymptomatischen Infektionen einen raschen Abfall der Antikörper. "Aber selbst dann kann immer noch Immunität bestehen", sagt von Laer, denn auch die T-Zellen spielen eine Rolle bei der Frage der Immunität.

Ischgl ist nicht nur bei der hohen Seroprävalenz ein Sonderfall. Tatsächlich wurde bisher noch nirgendwo ein so hoher Wert (vergangener) Infektionen publiziert. In Gröden in Südtirol wurden 27 Prozent ermittelt, in Heinsberg 15 Prozent, in Genf 10 Prozent. Das heißt aber nicht, sagt von Laer, dass in Regionen in Brasilien oder Indien es nicht höhere Werte gibt. Dort fehlen Untersuchungen.

Wichtige Erkenntnisse auch für Antikörpertests

Eine Besonderheit Ischgls besteht aber auch darin, dass die Population nicht konstant ist. Zu der lokalen Bevölkerung kommen jeden Winter noch hunderte Saisonarbeitskräfte, dazu die (wechselnden) Touristen. Nur so konnte Ischgl auch zu einem europäischen Superspreadingevent werden. Ende April bei den Probennahmen waren noch einige Saisonniers in Ischgl, unter den Getesteten waren dies 250 Personen.

Die Studie, die samt Modellierungen zur Veröffentlichung eingereicht wird, diente auch dazu, die Qualität von Antikörpertests zu überprüfen. Im Labor der MedUni wurden die Tests validiert, in Ischgl kamen zwei laborbasierte Eliza-Tests zur Anwendung, die auch unterschiedliche Antikörper nachweisen. Zeigten beide Tests keine Antikörper an, wurde der Test negativ gewertet, schlugen beide an, wurde die Testperson als seropositiv beurteilt. Es kam jedoch vor, dass nur einer der beiden Tests Antikörper fand. In diesen Fällen wurde ein Neutralisationstest vorgenommen, der jedoch sehr aufwendig ist. Für den Nachweis in Einzelfällen hält es von Laer für sinnvoll, zwei unterschiedliche Tests zu kombinieren. Ein Neutralisationstest gibt die letzte Sicherheit, ist aber auch teuer.

Durch das dreistufige Verfahren konnte eine "maximale Sensitivität und eine 100-prozentige Spezifität etabliert werden", sagt van Laer. Das bedeutet, dass keine Testperson fälschlicherweise positiv aufschien. Doch selbst eine minimale Fehleranfälligkeit würde bei einer solch großen Studie noch dazu mit hoher Prävalenz nicht ins Gewicht fallen.

Der Rektor der MedUni, Wolfgang Fleischhacker, wünscht sich eine Wiederholung. "Es wäre sicher sinnvoll, die Ischgler Kohorte weiterhin zu begleiten", sagt er. Dann könnten neue Rückschlüsse auf die Dauer und Qualität der Immunität gezogen werden. Ischgl ist nicht mehr nur Wintersportort und ehemals Virenschleuder, sondern auch ein hochinteressantes Forschungsobjekt, das wiederum für die Bekämpfung der Pandemie Erkenntnisse liefern kann.