Nach vier Monaten Verhandlungen ist in Irland der Chef der Partei Fianna Fail, Micheal Martin, am Samstag zum neuen Premierminister gewählt worden. Der 59-Jährige löst Leo Varadkar von Fine Gael als Taoiseach ab, wie das Amt des Regierungschefs in Irland genannt wird. Mit ihrem ungewöhnlichen Bündnis mit den Grünen hielten die beiden ehemals verfeindeten Mitte-rechts-Parteien Fine Gael und Fianna Fail die linke Sinn Fein aus der Regierung fern.

Die Wahl fand während einer Sondersitzung ausnahmsweise nicht im Parlamentsgebäude, sondern in einem Kongresszentrum in der Hauptstadt Dublin statt, um die Corona-Vorsichtsmaßnahmen einhalten zu können. Martin erklärte, die Bewältigung der Coronkrise sei die wichtigste Aufgabe der kommenden Monate. "Der Kampf gegen das Virus ist nicht vorbei", sagte er. Doch auch die anderen Herausforderungen wie der Brexit, die Klimakrise und ein Mangel an bezahlbaren Wohnung müssten angegangen werden.

Nach seiner offiziellen Ernennung zum neuen Regierungschef durch Staatspräsident Michael D. Higgins stellte Martin die Kandidaten für sein Regierungsteam vor. Demnach soll sein Vorgänger Varadkar stellvertretender Regierungschef werden. Laut Koalitionsvertrag stellt dessen Fine Gael Partei ab 2022 wieder den Taoiseach; damit könnte Varadkar möglicherweise in sein altes Amt zurückkehren.

Grünen-Chef Eamon Ryan soll demnach für Klimawandel und Verkehr zuständig sein, während Außenminister Simon Coveney seinen Posten behalten soll. Auch Finanzminister Paschal Donohoe soll im Amt bleiben. Dagegen stehen bei den Ministerien für Wohnungsbau und Gesundheit nach Kritik an der schlechten Arbeit der Vertreter von Fine Gael Wechsel bevor.

Aus der Parlamentswahl im Februar war ein zersplittertes Parlament hervorgegangen. Fianna Fail wurde mit 38 der 160 Parlamentssitze stärkste Kraft. Fine Gael errang 35 Sitze. Die Grünen verfügen über zwölf Mandate und konnten damit bei den großen Bündnispartnern eine Reihe von Zugeständnissen durchsetzen. In der Umweltpartei gibt es allerdings Vorbehalte, denn nachdem die Grünen 2007 ein Bündnis mit Fianna Fail eingegangen waren, verloren sie bei der Parlamentswahl 2011 all ihre sechs Sitze in der Volksvertretung.

Wahlsieger Sinn Fein in Opposition

 

Der linksgerichteten Sinn Fein bleibt nun die Rolle als stärkste Oppositionskraft. Sie hatte die Wahl zwar mit 24,5 Prozent der Stimmen gewonnen, hatte aber nicht genügend Kandidaten aufgestellt und ist nun mit 37 Sitzen zweitstärkste Kraft im Parlament.

Sinn-Fein-Chefin Mary Lou McDonald warf den anderen Parteien vor, den Wunsch der Wähler nach einem Wechsel zu missachten. Die Koalition bezeichnete sie als "Vernunftehe" zugunsten des Machterhalts. Die Partei galt einst als politischer Flügel der bewaffneten Untergrundorganisation IRA und strebt ein vereintes Irland an - mit dem zu Großbritannien gehörenden Nordirland.

EU-Ratspräsident Charles Michel rief Martin dazu auf, gemeinsam daran zu arbeiten, "Irland und Europa grüner, wohlhabender und sicherer zu machen". (apa)