So stark geschrumpft wie zuletzt 1979 ist die britische Wirtschaft im ersten Quartal dieses Jahres. Von Jänner bis März ging das Bruttoinlandsprodukt (BIP) um 2,2 Prozent zurück, wie am Dienstag veröffentlichte Daten des nationalen Statistikamts ONS zeigen. Damit fällt das Minus größer aus als erwartet - Experten hatten im Schnitt mit einem Rückgang von 2,0 Prozent gerechnet. Die Bank of England hatte unlängst erklärt, dass die Wirtschaft im ersten Halbjahr um bis zu 20 Prozent schrumpfen könne. Dann würde der Lockdown von April bis Juni voll durchschlagen.

Angesichts des zu erwartenden Einbruchs kündigt Premier Boris Johnson gewaltige Investitionen an, um das Land aus der Corona-Krise zu führen. So sollen fünf Milliarden Pfund (5,5 Milliarden Euro) für Krankenhäuser, Schulen, Straßen und andere Infrastrukturprojekte lockergemacht werden.

Anleihen bei Roosevelts "New Deal"

Viele hätten Angst vor weiteren Ausbrüchen der Krankheit, sagte Johnson in einer Rede in der mittelenglischen Stadt Dudley. Die Regierung müsse nun aber vorangehen und den Ausweg zeigen. "Wir können nicht einfach weiter nur Gefangene dieser Krise sein", betonte er. Großbritannien müsse nun "bauen, bauen, bauen". "Wenn uns die Covid-Krise eines gelehrt hat, dann ist es dieses: Das Land muss bereit sein für das, was kommt, und wir müssen eine Energie und Geschwindigkeit aufbringen, die wir seit Generationen nicht mehr brauchten", ergänzte Johnson. Es gehe nun darum, Probleme anzugehen, die das Land seit Jahrzehnten bremsten. Großbritannien sei nicht so produktiv wie viele seiner Mitbewerber. Zwar sei London "die Hauptstadt der Welt", aber viele andere Landesteile fühlten sich abgehängt und "ungeliebt".

Johnson hatte am Montag im Hörfunk auf das Beispiel des US-Präsidenten Franklin D. Roosevelt verwiesen, der sein Land mit dem "New Deal"-Programm aus der Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre führte. Zu den Reformen gehörten damals kostspielige öffentliche Projekte zur Schaffung von Arbeitsplätzen.

Lockdown in Leicester

Großbritannien ist mit mehr als registrierten 43.000 Todesfällen weltweit eines der am stärksten von der Pandemie betroffenen Länder. Johnson steht wegen seiner Krisenpolitik in der Kritik. Anfang Juni hat die Regierung mit einer Lockerung der landesweiten Beschränkungen des öffentlichen Lebens begonnen. Vom 4. Juli an sollen auch Restaurants, Hotels, Museen, Kirchen und Büchereien wieder Besucher empfangen dürfen.

Das gilt allerdings nicht für das mittelenglische Leicester. Die Neuinfektionen in der Stadt mit etwa 350.000 Einwohnern machten nach Angaben des britischen Gesundheitsministers Matt Hancock in der vergangenen Woche zehn Prozent aller Fälle in England aus. "Wir empfehlen den Menschen in Leicester, zu Hause zu bleiben so viel sie können, und wir raten von allen nicht dringend notwendigen Reisen von und nach Leicester ab", stellte der Minister klar.

Geschäfte in Leicester sollten von Dienstag an wieder zumachen, kündigte Hancock zudem an. Auch Schulen müssen ihre Tore im Laufe der Woche wieder schließen. (reu/dpa/apa)