Für die meisten Schüler in Großbritannien geht ab diesem Wochenende ein Schuljahr zu Ende, das die Corona-Pandemie geprägt hat. Sämtliche Schulen wurden am 23. März geschlossen, um die Ausbreitung des Virus zu bremsen. Kinder im ersten, zweiten und sechsten Schuljahr - also die Altersgruppe der Vier- bis Sechsjährigen sowie die der Zehn- bis Elfjährigen, die ab Herbst eine höhere Schule besuchen werden - sind im Juni wieder in die Klassenzimmer zurückgekehrt. Für die anderen Kinder und Jugendlichen hat der Unterricht bis zuletzt in den eigenen vier Wänden stattgefunden, ohne Mitschüler, ohne Lehrer und ohne das Mittagessen in der Schule, das im Vorjahr 1,3 Millionen Schülern aus einkommensschwachen Familien an Schultagen kostenlos zur Verfügung gestellt worden war. Das sind fast fünfzehn Prozent der 8,8 Millionen britischen Schulkinder.

Sonderlösung während der Corona-Zeit

Als Ausgleich für das wegfallende Schulessen haben betroffene Familien Gutscheine für einige Supermarktketten im Wert von 15 Pfund (16,6 Euro) pro Woche und Kind erhalten. Allerdings waren für manche Familien Filialen der teilnehmenden Supermärkte nicht oder nur umständlich erreichbar. Zudem haben rund 200.000 Kinder während des Lockdowns nicht genügend zu essen bekommen haben und mussten hungern, schätzt die NGO Food Foundation.

Die Gutscheine wurden nicht nur während der Schulzeit vergeben, sondern auch für die Oster- und Maiferien. Nach den ursprünglichen Plänen der konservativen Regierung unter Premier Boris Johnson hätte auch diese Unterstützung mit Ende des Trimesters im Juli auslaufen sollen.

Dagegen protestierten auch Prominente, wie der Fußballer Marcus Rashford. Auf seinen Social-Media-Kanälen postete der Spieler von Manchester United einen offenen Brief, in dem er die Fortführung des Programms über die Sommerferien forderte. "Wir waren als Familie auf Gratis-Schulessen und auf die freundliche Hilfe von Nachbarn und Trainern angewiesen. Suppenküchen und Essensausgaben waren uns nicht fremd", schrieb der Fußballer, dessen alleinerziehende Mutter Vollzeit arbeitete und trotzdem ihre fünf Kinder nicht adäquat versorgen konnte. Nach Rashfords Vorstoß kündigte Johnsons Sprecher an, dass aufgrund der "außergewöhnlichen Umstände" ein "Covid Summer Food Fund" eingerichtet werde, sodass das Programm bis zum Ende der Ferien weiterlaufen könne. "Der Premierminister heißt Rashfords Beitrag zu der Debatte willkommen und respektiert die Tatsache, dass er seine Bekanntheit als Sportler genutzt hat, um auf dieses wichtige Thema aufmerksam zu machen."

Wenn es möglich ist, werden die Schulen Essenspakete zu den Familien nach Hause liefern, ansonsten bekommen die Eltern per E-Mail einen Code zugeschickt, den sie gegen einen Supermarktgutschein im Wert von 90 Pfund (99 Euro) pro Kind für die Dauer der sechswöchigen Sommerferien eintauschen können. Anspruch haben Schüler, deren Familien Sozialleistungen erhalten, beispielsweise wenn das Haushaltseinkommen weniger als 7400 Pfund (8147 Euro) pro Jahr beträgt. Dieselben Voraussetzungen gelten auch für das reguläre Gratismahlzeiten-Programm.

Sparmaßnahmen bei Sozialleitungen

Nicht alle armen Familien erfüllen dieses Anforderungsprofil. Die NGO The Children’s Society gibt an, dass derzeit rund vier Millionen Kinder von Armut betroffen sind, das sind 30 Prozent aller Briten unter 18 Jahren. Zum Vergleich: In Österreich sind, nach denselben Maßstäben gemessen, laut der Volkshilfe 372.000 und damit rund 20 Prozent der Kinder armutsgefährdet.

Als arm gilt eine Familie in Großbritannien, wenn nach Abzug der Wohnkosten weniger als 15 Pfund (16,6 Euro) pro Tag für jedes Mitglied übrigbleiben und damit weniger als 60 Prozent des landesweiten Durchschnitts. Überproportional betroffen sind laut den Zahlen der NGO Child Poverty Action Group Familien mit drei oder mehr Kindern (43 Prozent) und Angehörige einer ethnischen Minderheit (46 Prozent).

Laut einem Bericht der Social Mobility Commission des Bildungsministeriums sind heute um 600.000 Kinder mehr von Armut betroffen als noch im Jahr 2012. Nachdem die Labour-Regierungen der 90er und 2000er Jahre gezielt Kinderarmut bekämpft hatten, leitete der konservative Premier David Cameron 2010 einen Kurswechsel ein. Als Folge der Finanzkrise ab 2008 verschrieb er sich einer harten Austeritätspolitik. Cameron sah vor, dass Freiwillige und NGOs Teilbereiche des Bildungs-, Pflege- und Gesundheitswesen übernehmen sollten, die bisher staatlich verwaltet worden waren. 2017 beschloss die Regierung, mit wenigen Ausnahmen nur noch die ersten beiden Kinder einer Familie bei der Auszahlung von Sozialleistungen zu berücksichtigen.

Bis heute sind insgesamt 30 Milliarden Pfund (33,1 Milliarden Euro) bei Sozialleistungen, Wohlfahrtseinrichtungen und im sozialen Wohnbau eingespart worden.

Zustände wie im 19. Jahrhundert

Philip Alston, UN-Sonderbeauftragter zu extremer Armut und Menschenrechten, verglich 2019 in einem Bericht die Sozialpolitik der Konservativen mit den Zuständen im 19. Jahrhundert. Die Kinderarmut in Großbritannien nannte er "nicht nur eine Schande, sondern auch eine gesellschaftliche Misere und eine wirtschaftliche Katastrophe". Die britische Regierung bezeichnete den Bericht als "wenig glaubwürdig".

Schon 2018 hatte Camerons Nachfolgerin Theresa May die Zeit der Austerität für beendet erklärt. Regelungen wie das Zwei-Kinder-Limit bleiben aber bis heute bestehen. Während der Corona-Krise hat Großbritannien erneut Staatsschulden angehäuft, die neue Sparmaßnahmen nach sich ziehen könnten.

Im Herbst sollen alle Kinder und Jugendliche unter Einhaltung von Abstands- und Hygieneregeln in ihren regulären Schulalltag zurückkehren können; somit wird eine Sonderlösung für das Gratis-Schulessen nicht mehr nötig sein. Wie es mit der Verpflegung der Schüler weitergeht, falls Bildungseinrichtungen erneut schließen müssen, ist jedoch ungewiss.