Nach außen war Jan Marsalek der Top-Manager eines aufstrebenden Unternehmens, im Hintergrund soll der Österreicher dubiose Geschäfte mit und für Russland in Libyen betrieben haben. Aufgeflogen ist das Doppelleben des entlassenen Wirecard-Vorstands erst mit dem Bilanzskandal. In dem Unternehmen verschwanden 2 Milliarden Euro spurlos, Marsalek tauchte unter. Medienberichten zufolge setzte er sich nach Russland ab, wo er unter dem Schutz des russischen Geheimdienstes stehen soll.

Als der Wiener vor zehn Jahren in den Vorstand des Unternehmens aufstieg, schien er eine rosige Zukunft für Wirecard einzuläuten. Der 1999 gegründete Online-Zahlungsdienst expandierte unter Marsaleks Federführung schnell nach Asien, kaufte dort Zahlungsunternehmen auf und verzeichnete bald enorme Wachstumszahlen. Westliche Politiker hofierten ihn.

Kontakte zu Russland

Dubiose Machenschaften, die der 40-Jährige im Hintergrund betrieb, fördern nun nach und nach Recherchen der britischen Wirtschaftszeitung "Financial Times" und der Investigativplattformen "Bellingcat" und "The Insider" zu Tage.

Jan Marsalek ging demnach allerlei privaten Geschäften nach. Die Fäden führen laut den Recherchen alle nach Moskau. Zwischen 2010 und 2020 reiste er rund 60 Mal nach Russland, wie ein Blick auf die vom russischen Inlandsgeheimdienst FSB akribisch geführte Liste aller internationaler Flugreisen Marsaleks zeigt. Dafür verwendete er laut "Bellingcat" sechs verschiedene österreichische Pässe.


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Publik wurde auch, dass Wirecard jedes Jahr zwischen 10.000 und 20.000 Euro an die Österreichisch-Russische Freundschaftsgesellschaft spendete. Marsalek und Wirecard-Chef Markus Braun, ein Landsmann, waren zudem Ehrensenatoren in der Organisation, die hochrangige Entscheidungsträger verbinden soll. Auch sonst war Marsalek politisch gut vernetzt: So soll er sich mehrmals mit dem ehemaligen FPÖ-Klubobmann Johann Gudenus getroffen haben, auch mit Heinz-Christian Strache war er bekannt. Es existieren Chat-Verläufe zwischen Gudenus und einem angeblichen Mittelsmann, in denen dieser den Politiker mit Informationen aus dem BVT versorgte.

15.000 Mann in Libyen

Der gemeinsame Untersuchungsbericht von "Bellingcat", "The Insider" und anderen Investigativplattformen geht davon aus, dass Wirecard möglicherweise Geldtransfers für russische private Militärunternehmen wie das PMC Wagner abgewickelt hat. Marsalek leitete demnach Projekte in Libyen, sein dortiger Berater hatte angeblich Kontakte zum russischen Geheimdienst. Vor Freunden kündigte Marsalek an, eine 15.000 Mann starke Miliz in Libyen aufbauen zu wollen, die an der südlichen Grenze des nordafrikanischen Staates Migrationsströme aufhalten sollte.

Ministerium wusste von Plänen

Das sei im Sinne Russlands und könnte man der EU als Lösung in der Flüchtlingspolitik verkaufen. Dieses Vorhaben habe ein nicht näher definiertes deutsches "Expertenteam" 2017 dem österreichischen Verteidigungsministerium vorgetragen. Es habe zwar eine Absichtserklärung gegeben, zu Zahlungen oder der Umsetzung des Projekts sei es nicht gekommen, so das Ministerium. Außerdem prahlte Marsalek laut anonymen Quellen, mit den "Jungs" vom russischen Geheimdienst ins syrische Palmyra gereist zu sein. Die Wagner Group war maßgeblich an der Rückeroberung der Stadt vom Islamischen Staat (IS) beteiligt. Das private Militärunternehmen wird vom Putin-nahen Oligarchen Jewgeni Prigoschin finanziert, der im Ölgeschäft in Syrien mitmischt. Möglicherweise erhoffte sich Marsalek, aus den Kontakten zur Wagner Group auf diese Weise Profit schlagen zu können.

Als im Juni das Ausmaß des Wirecard-Bilanzskandals bekannt wurde, wurde Marsalek sofort freigestellt. Noch am selben Tag verschwand er. "Bellingcat" zufolge soll er in einem Privatjet von Klagenfurt über Tallinn ins weißrussische Minsk gereist sein. Sein Aufenthalt in Weißrussland war dem Geheimdienst GRU wohl zu riskant, Berichten zufolge hat er Marsalek mittlerweile ins eigene Land geholt. Dort lebt er nun angeblich in einer privaten Villa westlich der Hauptstadt, beschützt durch den Geheimdienst. Zuvor soll Marsalek Millionensummen in Form von Bitcoins aus Dubai nach Russland geschafft haben. Der Kreml weiß offiziell nichts von alldem. Zuvor vermuteten Ermittler ihn auf den Philippinen, wo er einen Grenzbeamten bestochen haben könnte, um eine falsche Fährte zu legen. Ob Marsalek nun tatsächlich nahe Moskaus versteckt ist oder ob es sich dabei erneut um ein Täuschungsmanöver handelt, bleibt abzuwarten.