Steht in Europa die berüchtigte zweite Welle der Coronavirus-Pandemie unmittelbar bevor? Lothar Wieler will ein solches Szenario jedenfalls nicht ausschließen. Die Entwicklungen international bereiten dem Präsidenten des deutschen Robert Koch-Instituts (RKI) große Sorgen. Er wies auf einer Pressekonferenz in Berlin am Dienstag darauf hin, dass einige Länder, die die Epidemie bereits unter Kontrolle zu haben schienen, wieder steigende Fallzahlen verzeichnen - etwa Australien, Japan und Spanien.

Das sei auch in Deutschland selbst der Fall. In den vergangenen Tagen seien 3611 Infektionen gemeldet worden. Zu Übertragungen komme es "wirklich überall", erklärte RKI-Expertin Ute Rexroth: bei Familienfeiern, bei Treffen mit Freunden, am Arbeitsplatz, in Gemeinschaftsunterkünften, Altenheimen und Einrichtungen des Gesundheitswesens, wo schwere Verläufe zu erwarten seien. Der Grund: Nachlässigkeit. Zu Tausenden wilde Partys zu feiern, sei "rücksichtlos" und auch "fahrlässig", sagte Wieler, und fügte - auf die weltweite Situation gemünzt - hinzu: "Wir sind mitten in einer sich rasant entwickelnden Pandemie."

Kostenlose Corona-Tests

Die Zeit, in der die Staaten und Regionen Europas in Sachen schnelle Corona-Lockerungsmaßnahmen miteinander wetteiferten, scheint jedenfalls erst einmal vorbei zu sein. Vielerorts werden die Schutzmaßnahmen wieder verschärft. Etwa in Deutschland, wo sich Urlauber, die aus Risikogebieten einreisen, nach ihrer Rückkehr auf das Virus testen lassen müssen. Die Tests, so Gesundheitsminister Jens Spahn, sollen für die Einreisenden kostenlos sein. Auch in Österreich seien Tests "für alle, die sie brauchen", kostenlos verfügbar, betont das Gesundheitsministerium - etwa für Reiserückkehrer, die im Gesundheitsbereich arbeiten.

Oder auch in Belgien, wo man ab Mittwoch privat nur noch maximal fünf Menschen auf einmal treffen darf, mit denen man nicht zusammen wohnt. Einkäufe müssen allein und während einer halben Stunde erledigt werden. In der besonders stark betroffenen Stadt Antwerpen gilt zudem eine nächtliche Ausgangssperre, alle Bars und Restaurants müssen um 23 Uhr schließen. Kontakt- und Teamsport ist dort verboten, Homeoffice Pflicht. In der Provinz Antwerpen konzentrierten sich in der vergangenen Woche 47 Prozent der neuen belgischen Coronavirus-Fälle.

Belgien hatte bereits in den vergangenen Wochen seine Maßnahmen wieder verschärft. In Geschäften, Kinos, Museen, Bibliotheken und Gotteshäusern sowie in Bussen und Bahnen gilt eine Maskenpflicht. Seit Samstag muss auch an stark frequentierten öffentlichen Orten wie Märkten, Einkaufsstraßen oder Hotels ein Atemschutz getragen werden.

 

Maskenpflicht in Madrid

Auch im schwer getroffenen Spanien werden die Regeln verschärft. Die Hauptstadt Madrid führte - wie zuvor schon andere spanische Regionen - eine Maskenpflicht auch im Freien ein. Mit mehr als 28.400 Corona-Toten gehört Spanien zu den am schwersten von der Pandemie betroffenen Ländern Europas. Die coronabedingte Ausgangssperre hat im zweiten Quartal mehr als eine Million Jobs vernichtet. In dem Tourismusland ist besonders der Dienstleistungssektor betroffen. Laut dem nationalen Statistikinstitut INE wurden dort fast 817.000 Arbeitsplätze zerstört. Erschwerend kommt hinzu, dass zuletzt in Teilen des Landes wieder Infektionsherde gemeldet wurden. Besonders betroffen sind Katalonien mit der Touristenmetropole Barcelona und der Gegend um Lleida sowie die Region Aragon - auch keine gute Nachricht für den spanischen Tourismus.

Zwar sind die Strände im Süden bis jetzt von neuen Corona-Clustern verschont geblieben. Die abschreckenden Bilder Party machender Deutscher auf Mallorca sowie die gestiegene Vorsicht bei den potenziellen Gästen wirken sich allerdings negativ auf die Buchungen aus.

Quarantäne nach Spanien-Urlaub

Dazu kommen noch die Schutzmaßnahmen, die mehrere Staaten Europas erlassen haben. Bereits am Samstag hat die britische Regierung verfügt, dass alle Reisenden aus Spanien zwei Wochen in Quarantäne müssen. Diese Entscheidung habe "dem Tourismussektor in Spanien, der sich auf einen katastrophalen Sommer gefasst macht, den Rest gegeben", titelte die spanische Zeitung "El Pais", die an sich nicht zum Alarmismus neigt.

Spaniens Ministerpräsident Pedro Sanchez kritisierte die britische Maßnahme als "unpassend". Die bei britischen Urlaubern beliebten spanischen Regionen wie die Balearen, die Kanarischen Inseln oder Valencia und Andalusien hätten derzeit niedrigere Infektionsraten als Großbritannien, sagte Sanchez. Die britische Regierung hat dennoch eine Reisewarnung auch für die Balearen und Kanaren ausgesprochen.

EU-Hilfen für den Tourismus

Die Worte des Premiers dürften nicht allzu viel ausrichten. Auch Norwegen und Belgien haben schon Quarantäneregeln für Spanien-Rückkehrer erlassen, Frankreich warnt vor Reisen nach Katalonien und in andere Regionen. Und am Dienstag riet auch das Auswärtige Amt in Berlin davon ab, außerhalb von beruflich oder privat notwendigen Reisen die nordspanischen Regionen Katalonien, Aragon und Navarra zu besuchen - keine Reisewarnung, aber doch eine sehr rasche Verschärfung angesichts der Tatsache, dass Berlin die Reisewarnung für ganz Spanien erst am 21. Juni aufgehoben hatte.

Ein Kollaps der Tourismusbranche hätte für das ohnehin kriselnde Spanien fatale Folgen. 84 Millionen Ausländer besuchten das Land im Vorjahr, mehr als drei Millionen Menschen finden Arbeit und Einkommen in dem Sektor. Madrid wird einen erheblichen Teil der eben erst beschlossenen EU-Milliardenhilfen für die Rettung der Tourismusbranche einsetzen müssen. Und auf bessere Zeiten hoffen müssen - ohne Epidemie.(reu/dpa/apa)