Rund ein Jahr vor der Parlamentswahl in Deutschland wollen die deutschen Sozialdemokraten Vizekanzler und Finanzminister Olaf Scholz zu ihrem Kanzlerkandidaten küren. "Olaf hat den Kanzler-Wumms", schrieben die SPD-Parteichefs Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans am Montag auf Twitter. Scholz selbst erklärte, er freue sich auf einen "tollen, fairen und erfolgreichen Wahlkampf in einem starken Team". Präsidium und Vorstand hätten ihn einstimmig nominiert.

Die Personalie war lange vermutet worden, galt in der Partei aber zugleich als extrem umstritten. "Wir wissen, dass diese Entscheidung für einige eine unerwartete Wendung darstellt", erklärten die Parteichefs daher. "Wir bitten um Vertrauen in unseren Weg. Wir sind entschieden, diesen Weg gemeinsam zu gehen."

Esken und Walter-Borjans galten lange als Gegner von Scholz und setzten sich im vergangenen Jahr bei der Wahl des Parteivorsitzenden auch gegen ihn durch. Seitdem habe es einen "engen Schulterschluss" und eine vertrauensvolle Zusammenarbeit von Parteispitze, Fraktionsführung und den sozialdemokratischen Ministern gegeben, erklärten die Parteichefs. "In dieser engen Zusammenarbeit haben wir Olaf Scholz als einen verlässlichen und am Team orientierten Partner erlebt, der für sozialdemokratische Politik für dieses Land kämpfen kann und will und der mit uns die Vision einer gerechten Gesellschaft teilt."

Scholz mit besten Umfragewerten

Scholz ist bei der deutschen Bevölkerung Umfragen zufolge der beliebteste SPD-Politiker und hatte sich in der Coronakrise mit beherztem Handeln und dem Schnüren milliardenschwerer Hilfspakete profiliert. In der SPD selbst ist er allerdings umstritten - vor allem beim linken Flügel. Zuletzt hatten sich vor allem Mitglieder der Bundestagsfraktion und andere SPD-Minister für ihn als Kanzlerkandidaten ausgesprochen.

In Umfragen ist die SPD derzeit drittstärkste Kraft hinter Union und Grünen. Die Union hatte in der sogenannten Sonntagsfrage im ARD-DeutschlandTrend zuletzt 38 Prozent erreicht. Die Grünen kommen danach auf 18 und die SPD auf 15 Prozent. Damit ist eine Machtoption für die Sozialdemokraten derzeit nicht in Sicht.

Walter-Borjans hatte am Wochenende eine Rot-Rot-Grüne Koalition ins Gespräch gebracht. "Wenn wir eine Bündnisoption mit der Linken ausschlössen, hätten die Verteidiger des Weiter-so und damit der weitergehenden Spaltung der Gesellschaft schon gewonnen", sagte er den Zeitungen der Funke-Mediengruppe. Das sähen Scholz, Fraktionschef Rolf Mützenich sowie Esken "gleichermaßen so".

(dpa/afp)