Beirut. Es ist eine der schwersten Aufgaben, die es in der libanesischen Hauptstadt Beirut derzeit zu erledigen gibt. Jeden Tag geht die 22-jährige Farah in die Trümmerwüste, dorthin, wo der Hafen war. Eigentlich ist sie Optikerin. Nun sucht sie aber mit 200 anderen Freiwilligen nach Menschen, die vor gut einer Woche durch die verheerende Explosion von fast 3000 Tonnen Ammoniumnitrat in einer Lagerhalle ums Leben kamen. Am Mittwoch hat ihr Team schon sechs Leichenteile gefunden. "Wahrscheinlich Feuerwehrleute", sagt Farah. Man müsse noch die DNA überprüfen.

Farah zählt zu den Helfern, die der deutsche Außenminister Heiko Maas bei seinem Besuch am Explosionskrater trifft. Auf dem Weg dorthin sieht er verformte Autos und Container, blanke Stahlgerüste, wo Lagerhallen waren, meterhohe Trümmerhaufen. Nur ein riesiges Getreidesilo aus Beton konnte der Druckwelle widerstehen, es ist als mahnende Ruine zurückgeblieben.

Es ist ein apokalyptisches Bild, das sich Maas bietet. "Es ist doch noch einmal etwas anderes, das mit eigenen Augen zu sehen", sagt der SPD-Politiker. "Das Maß an Verwüstung und an Zerstörung ist für Menschen, die in Deutschland leben, nahezu unvorstellbar."

634 Millionen Euro seit 2012

Deutschland hat am vergangenen Wochenende 20 Millionen Euro Verfügung gestellt, um der notleidenden Bevölkerung zu helfen. Seit 2012 hat Deutschland dem Libanon 634 Millionen Euro an humanitärer Hilfe bereitgestellt. Dazu kommen Hilfen des Entwicklungsministeriums etwa für Nahrungsprogramme, Geld zur Schaffung von Arbeitsplätzen und für den Unterricht syrischer Flüchtlingskinder in dem Land.

Maas ist nun gekommen, um zu sehen, wofür das Geld verwendet werden kann. Den ersten Scheck über eine Million Euro übergibt er gleich am Flughafen an das Rote Kreuz für Nahrungsmittel, Hygieneartikel, Werkzeug.

Maas ist aber nicht nur in den Libanon gereist, um seinen Mitarbeitern beizustehen oder mit Helfern zu sprechen. Dem deutschen Außenminister geht es auch darum, dass das Chaos auch als Chance für tiefgreifende Veränderungen in dem schon lange kriselnden Land genutzt wird.

Zusagen für den wirtschaftlichen Wiederaufbau sollen künftig aber mit der klaren Erwartung verbunden werden, dass politische Reformen in Gang kommen. Gegen Misswirtschaft und Korruption sind die Menschen im Libanon schon vor der Katastrophe auf die Straße gegangen. Jetzt haben die Proteste zum Rücktritt der Regierung geführt. "Es wird sicherlich darum gehen, eine Regierung zu haben, die die Korruption ernsthaft bekämpft", sagte Maas angesichts der Ankündigung von vorgezogenen Neuwahlen im Libanon.

Die Libanesen wissen aber auch: Häufig schon hat die Elite in der Vergangenheit mit blumigen Worten Reformen versprochen - und sie dann verschleppt. Am Ende waren es immer dieselben Kräfte, Blöcke und Familien, die im Hintergrund die Fäden in der Hand behielten.(dpa)