Ein Brüderpaar, das fünf Jahrhunderte nach seinem Wirken wieder für Schlagzeilen sorgt: Oruc Reis und Barbaros Hayreddin, zwei Korsaren, hatten sich mit ihren Eroberungen rund um das Mittelmeer Verdienste um das Osmanische Reich erworben. Nun sind Schiffe, die ihre Namen tragen, im Dienst Ankaras unterwegs - um das "blaue Vaterland" zu verteidigen, die Gewässer rund um die Türkei.

Diese Formulierung, die Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan immer wieder verwendet, zeigt, dass es beim Erdgasstreit mit Zypern und Griechenland um mehr geht als potenzielle Einnahmenquellen aus möglichen Bodenschätzen unter dem Mittelmeer. Die Doktrin des "blauen Vaterlandes" fügt sich in die Bestrebungen der Türkei, zu einer Regionalmacht zu werden, ohne deren Einverständnis weder die Konflikte in der näheren Umgebung zu lösen noch die Menschen aufzuhalten sind, die aus den Konfliktgebieten fliehen. Beides gibt Ankara den jeweiligen Partnern zu verstehen - und beides bereitet den Europäern Sorgen.

Dementsprechend vorsichtig fiel die Reaktion der EU auf das jüngste Säbelrasseln im östlichen Mittelmeer aus. Vor wenigen Tagen forderten die Außenminister der Union die Türkei dazu auf, "unverzüglich zu deeskalieren", und am Sonntag verlangte der EU-Außenbeauftragte, Josep Borrell, Ankara solle seine Aktivitäten einstellen. Dabei bleibt es vorerst; zu harten Sanktionen können sich die Mitgliedstaaten nicht durchringen, trotz des Drängens Zyperns. Nikosia konnte daraufhin lediglich die auf Besänftigung angelegte "Appeasement-Politik" der Union kritisieren.

Umstrittene Abkommen

Daher fällt es Erdogan nicht schwer, seine harsche Rhetorik aufrechtzuerhalten. Wer die "Oruc Reis" angreife, werde "einen hohen Preis" zahlen, erklärte er vor wenigen Tagen bei einer Veranstaltung in Rize. Das Forschungsschiff ist seit einer Woche in der Nähe der griechischen Insel Kastelorizo unterwegs, und ab heute, Dienstag, soll das Bohrschiff "Yavuz" das Meeresgebiet südwestlich von Zypern durchsuchen. Erkundungen unternimmt auch die "Barbaros Hayreddin".

Daran ändern die Empörung Zyperns und die Warnungen aus der EU nichts. "Wir werden uns der Sprache der Sanktionen und Drohungen nicht beugen", machte Erdogan klar.

- © M. Hirsch
© M. Hirsch

Der Streit schwelt schon seit Jahren, seitdem im Mittelmeer östlich vor Zypern Erdgasvorkommen entdeckt wurden. Die Regierung in Nikosia leitete Probebohrungen ein. Die möglichen Erträge aus der Gasgewinnung sollten der gesamten Bevölkerung zukommen, hieß es. Bloß: Die Insel ist seit Jahrzehnten geteilt, und auch wenn sie in ihrer Gesamtheit Mitglied der EU ist, wird im politisch und ökonomisch isolierten Nordteil EU-Recht nicht angewandt. Dort sind nämlich noch immer tausende türkische Soldaten stationiert. Die finanzielle Abhängigkeit von der Türkei ist groß.

Diese sieht sich als Schutzmacht der türkischen Zyprioten und hat selbst Probebohrungen vor der Insel gestartet. Den Vorwurf illegaler Handlungen gibt Ankara dabei an Nikosia zurück. Es seien die griechischen Zyprioten, die die Erdgasvorkommen unrechtmäßig für sich vereinnahmen würden.

Als illegal sieht die Türkei ebenfalls ein Abkommen an, dessen Vereinbarung ihr mit ein Grund für die Verschärfung des Tons war. Anfang des Monats hatten sich Griechenland und Ägypten auf eine Aufteilung ihrer Wirtschaftszonen im Mittelmeer geeinigt. Das kommt aber einem ähnlichen Vertrag in die Quere, den die Türkei und Libyen vor Monaten geschlossen hatten.

Wirtschaftliche Misere

Die Ansprüche Griechenlands und der Türkei auf Seegebiete überschneiden sich so - und die Vielzahl der Akteure macht den Konflikt auch nicht leichter lösbar. Zuletzt schaltete sich Frankreich ein: Paris will die französische Militärpräsenz im Mittelmeer verstärken und Athen unterstützen. Griechenland selbst lässt, wie die Türkei, schon lange Kriegsschiffe dort patrouillieren, wobei es immer wieder zu Scharmützeln zwischen den beiden Nato-Partnern kommt.

Auf tatsächliche Kriegshandlungen werden es aber weder Athen noch Ankara anlegen. Griechenland müht sich, aus einer schweren Wirtschaftskrise zu gelangen. Und in der Türkei würde eine militärische Auseinandersetzung die Lira weiter auf Talfahrt schicken. Schon jetzt zieht der Währungsverfall weite Kreise. Hinzu kommt, dass wegen der Corona-Pandemie die Touristen ausbleiben. Einige Experten wollen daher nicht ausschließen, dass die aktuellen Streitigkeiten rund um die Bohrungen für den Präsidenten und die Regierung in Ankara einen weiteren Hintergrund haben: von der ökonomischen Misere in der Türkei abzulenken.