Wladislaw Sokolowskij (30) und Kirill Galanow (27) gelten mittlerweile als Helden in Weißrussland, dessen Bürger seit der mutmaßlich gefälschten Präsidentschaftswahl gegen Staatschef Alexander Lukaschenko aufbegehren. Nachdem die beiden DJs bei einer staatlich organisierten Veranstaltung die Protesthymne "Peremen" (Veränderungen) vom Band laufen ließen, wurden sie inhaftiert. Seit Kurzem sind sie wieder frei. Ein Gespräch über Proteste, Lukaschenko, Folter und Hoffnung.

"Wiener Zeitung": Wie kam es dazu, dass Sie "Peremen" abspielten?

Wladislaw Sokolowskij: Wir sind Tontechniker beim staatlichen "Jugend- und Kulturpalast" und wurden für ein Konzert engagiert. Wir haben aber erst vor Ort erfahren, dass dieses Konzert dort stattfinden soll, wo eigentlich eine Veranstaltung von Swetlana Tichanowskaja geplant war, der Gegenkandidatin Lukaschenkos. Es war klar, dass dadurch verhindert werden sollte, dass sich ihre Anhänger versammeln. Ich war gegen eine derartige Aktion.

Daraufhin haben Sie spontan entschieden, diesen Song zu spielen?

Sokolowskij: Wir wollten unsere Solidarität mit den Menschen vor Ort ausdrücken. Dann habe ich zu Kirill gesagt: "Lass uns doch einen Song spielen!" Und Kirill: "Welchen? Peremen?" Also suchte ich den Song raus und drückte auf Play - die Menschen haben gejubelt und getanzt.

Damit waren Sie eine der ersten Mitarbeiter einer staatlichen Einrichtung, die sich öffentlich mit den Protesten gegen Lukaschenko solidarisierten.

Sokolowskij:Es gibt so viele Dinge, die falsch laufen in unserem Land. Wir verdienen umgerechnet 120 Euro im Monat, wie soll man bloß davon leben?

Später wurden Sie festgenommen und zehn Tage inhaftiert. Haben Sie solche Konsequenzen erwartet?

Kirill Galanow: Ich habe schon damit gerechnet, dass wir Probleme bekommen. Aber ich dachte eher, dass unser Chef sauer wird. Aber dass sie uns dafür zehn Tage einsperren? Niemals. Später habe ich auf Videos gesehen, wie ein Mann wie wild an den Kabeln der Boxen herumgerissen hat.

Sokolowskij:Dann war plötzlich der Ton weg, es gab ein paar Diskussionen, und wir sind gegangen. Irgendwann haben uns Männer in Zivil gepackt und abgeführt. Auf der Polizeistation haben sie Anzeige gegen uns erhoben: Störung einer öffentlichen Veranstaltung und Widerstand gegen die Staatsgewalt. Absurd.

Dann wurden Sie in das berüchtigte Okrestina-Gefängnis gebracht.

Sokolowskij: Sie haben mich in eine Zelle gesteckt, 2,5 mal vier Meter. Am Boden war eine Chlorlösung, davon tränten mir die Augen und ich konnte fast nicht atmen. Die erste Nacht war die schlimmste, danach wurde es besser. Am dritten Tag kam dann der stellvertretende Innenminister.

Alexander Barsukow, der später sagte, in der Haft werde niemand geschlagen . . .

Sokolowskij: Er sagte zu mir: "Na, willst Du immer noch Veränderungen? Du bist doch der mit der Musik? Bist Du jetzt zufrieden? Die Proteste, die Festnahmen? Das hast Du schön in die Wege geleitet." Dann hat er mich ein paar Mal mit der Faust in den Rücken geschlagen. Draußen sagte er: "Der sitzt hier doch wie im Sanatorium, sorgt für die Umstände, die in so einem Fall angemessen sind!" Dann haben sie mir zwei Tage lang kalte Luft hineingeblasen. Nachts war es wie in einem Kühlschrank.

Wurden Sie nochmals geschlagen?

Sokolowskij: Nein. Nach unserer Aktion kannte man uns schon im ganzen Land, das hat uns wohl geschützt. Nach fünf Tagen haben sie mich in eine andere Zelle gesteckt. Dort waren die Leute zugerichtet: zerschlagene Gesichter, Blut, Hämatome am ganzen Körper. Aus dem Hof haben wir in der Nacht Schläge und Schreie gehört. Pausenlos. Einmal habe ich gehört, wie jemand am Gang sagte: "Wir werden Krüppel aus euch machen." Zellennachbarn haben mir von ausgeschlagenen Zähnen und ausgerissenen Haaren erzählt.

Sie wurden noch vor den Wahlen, den Protesten und der Repressionswelle verhaftet. Wussten Sie eigentlich, was sich draußen abspielt?

Galanow: Nein. Aber in einer Nacht habe ich aus meiner Zelle heraus einen Mann beobachtet, der im Korridor am Boden lag. Sie haben ihn bewusstlos geschlagen. Da dachte ich, es muss einen bewaffneten Aufstand geben. Dass das Terroristen sind, gegen die sie mit so einer Härte vorgehen. Nur so konnte ich mir diese pure Gewalt erklären. Aber wie sich später herausstellte, waren das keine Terroristen. Sondern ganz einfache Leute.

Wie haben Ihre Arbeitskollegen auf Ihre Aktion reagiert?

Sokolowskij: Sie stehen hinter uns. Aber einige sagen offen, dass sie Familie haben und das wenige Geld brauchen, das sie dort verdienen. Sie sagen, sie können unserem Beispiel nicht folgen. Viele haben noch immer Angst.