Es ist ein Wochenende voll mit Bildern und Szenen, die sich etlichen Österreichern ins Gedächtnis gebrannt haben. Und obwohl das Thema Migration davor immer wieder diskutiert wurde, traf es Österreich und die Europäische Union weitgehend unvorbereitet, als Anfang September 2015 tausende Flüchtlinge die ungarisch-österreichische Grenze überquerten.

Ganz überraschend kommt dies jedoch nicht: Schon Anfang Juli häufen sich die Berichte über die massiv gestiegenen Ankunftszahlen in Griechenland, Mazedonien und Serbien. Gleichzeitig verhängt das Aufnahmezentrum Traiskirchen einen Aufnahmestopp, Geflüchtete müssen in Zelten oder unter freiem Himmel schlafen.

Ab Mitte August überschreiten tausende Flüchtlinge täglich die grüne Grenze zwischen Serbien und Ungarn. Spätestens seit das deutsche Bundesamt für Flüchtlinge und Migration am 25. August erklärt hat, das Dublin-Verfahren - das eine Rückführung in das Ersteinreiseland innerhalb der EU vorsieht - für Syrer auszusetzen, wollen alle nach Deutschland weiterreisen.

Der Fund von 71 Leichen in einem Kühllaster auf der Ostautobahn (A4) am 27. August erschüttert die Öffentlichkeit. Die Lage am Budapester Bahnhof Keleti, wo tausende Menschen stranden, spitzt sich indes zu, als am 31. August Menschen den Zug Richtung Wien stürmen.

Am 1. September wird der internationale Zugverkehr teilweise eingestellt. Als zwei Tage später doch Züge abfahren, haben sie statt Österreich und Deutschland ein ungarisches Flüchtlingslager als Ziel, hunderte Flüchtlinge treten dort in den Hungerstreik und weigern sich, die Garnituren zu verlassen.

Dann kam das Wochenende, an dem die Grenzbalken hochgingen.

Freitag, 4. September 2015, Budapester Ostbahnhof, Mittag:

Tausende Menschen beschließen, sich zu Fuß auf den Weg zur österreichischen Grenze zu machen. Ein Versuch der ungarischen Polizei, den Marsch kurz vor der Autobahnauffahrt zu stoppen, scheitert.

Wien, 20:00 Uhr:

In den Abendstunden geht im Außenministerium ein offizielles Schreiben des ungarischen Botschafters ein. Dieser bittet um eine Einschätzung der Lage: Wie soll Ungarn reagieren? Das Ministerium leitet das Schreiben an Bundeskanzler Werner Faymann weiter. Der ruft seine deutsche Amtskollegein Angela Merkel an.

Beide sind sich laut einem Bericht der deutschen Wochenzeitung "Die Zeit" schnell einig, dass der Marsch nur mit Gewalt aufzuhalten ist, was zu einer humanitären Katastrophe führen könne. Daher treffen sie eine weitreichende Entscheidung: Österreich und Deutschland müssten die Grenzen für Flüchtlinge öffnen.

Budapest, 21:30 Uhr:

Ungarn erhöht den Druck auf Österreich und Deutschland. Nach einer Sitzung des Krisenstabes erklärt Kanzleiminister Janos Lazar vor der Presse, noch in der Nacht würden etwa hundert Busse die Flüchtlinge zur österreichischen Grenze bringen. Ob die Menschen diese dann auch überqueren dürften, liege an Österreich.

Berlin, 22:00 Uhr:

Faymann fleht Merkel laut "Zeit" förmlich an, noch in der Nacht einer Grenzöffnung zuzustimmen. Am Rande eines EU-Ministertreffens in Luxemburg entwerfen Außenminister Sebastian Kurz sowie sein deutscher und ungarischer Amtskollege bereits die offizielle Erklärung, mit der die Grenzöffnung zwei Stunden später bekanntgegeben wird.

Samstag, 5. September 2015, Wien, kurz nach Mitternacht:

Faymann gibt in Abstimmung mit Merkel und Ungarn die Grenzöffnung offiziell bekannt. "Aufgrund der Notlage an der ungarischen Grenze stimmen Österreich und Deutschland in diesem Fall einer Weiterreise der Flüchtlinge in ihre Länder zu", heißt es in seiner Erklärung. Zugleich wird der vorübergehende Charakter des Schrittes betont.

Nickelsdorf, 3:00 Uhr:

Der erste Flüchtlingsbus trifft auf ungarischer Seite ein, die Grenze zu Österreich müssen die Menschen zu Fuß überqueren. Dort erwarten sie Helfer mit Decken und Essen sowie Busse und Sonderzüge der ÖBB, die die Flüchtlinge nach Wien und dann weiter nach Deutschland bringen.

Kurz nach 7:00 Uhr gibt die Polizei bekannt, es hätten bereits rund 3000 Menschen die Grenze überquert.

Budapest, Nachmittag:

Der ungarische Polizeichef Karoly Papp erklärt, beim Transport von Flüchtlingen mit Bussen zur österreichischen Grenze habe es sich um eine "einmalige Aktion" gehandelt, die sich nicht wiederholen werde. Allerdings lässt Ungarn die Menschen nun wieder an Bord von Zügen Richtung Österreich, zudem haben die Flüchtlinge begonnen, sich selbst zu organisieren.

Sonntag, 6. September 2015,Wien, 17:00 Uhr:

Kanzler Faymann kündigt ein schrittweises Ende der Reisefreiheit für Flüchtlinge an: "Wir müssen jetzt Schritt für Schritt weg von Notmaßnahmen hin zu einer rechtskonformen und menschenwürdigen Normalität." Einen konkreten Zeitpunkt nennt er nicht.

Budapest/Wien, 19:30 Uhr:

Der ungarische Ministerpräsident Viktor Orban, der Faymann und Merkel am Freitag praktisch gezwungen hat, die Grenzen zu öffnen, kritisiert im ORF-Interview eben diesen Schritt. Österreich und Deutschland würden EU-Recht verletzen, sagt er nun. Die beiden Länder müssten ihre Grenzen wieder schließen und "klar sagen", dass keine weiteren Flüchtlinge mehr aufgenommen würden. Ansonsten würden weiterhin "mehrere Millionen" Menschen nach Europa kommen. (apa)