Es war Sonntagabend, als das Innenministerium in Wien die offizielle Bilanz veröffentlichte. Seit dem Vortag, seit dem 5. September 2015, hatten 15.000 Flüchtlinge die Grenze zu Österreich überquert. Der überwiegende Teil der Menschen zog weiter nach Deutschland. Das änderte sich auch in den folgenden Wochen kaum, in denen täglich an die 6000 Migranten ankamen.

Die meisten von ihnen gelangten über die sogenannte Balkanroute nach Westeuropa. Sie schlugen sich über die Türkei nach Griechenland durch, dann weiter über Mazedonien und Serbien nach Ungarn oder nach Kroatien und Slowenien. Fast eine Million Menschen kam 2015 in die EU.

Es stellte die Gemeinschaft vor eine Zerreißprobe. Die Regierungen stritten um eine Änderung der Asylregeln, um eine Verteilung der Flüchtlinge, um den Schutz der EU-Außengrenzen. Sie konnten sich weder auf einen Mechanismus zur Aufnahme von Asylwerbern einigen noch auf Grundzüge einer gemeinsamen Migrationspolitik.

Die Zeit der offenen Grenzen aber ging zu Ende. Es war eine Notfallsituation, die nur mehrere Monate durchzuhalten war. Immer mehr EU-Länder errichteten Zäune, führten wieder Kontrollen ein. Österreich beschloss eine Flüchtlingsobergrenze.

Doch aus der Sicht einiger Staaten reichte dies nicht: Auch die Balkanroute müsse geschlossen werden. Der damalige Außenminister Sebastian Kurz begab sich im Februar 2016 auf eine Reise in sechs südosteuropäische Staaten. In Sarajevo, Belgrad, Podgorica, Tirana, Pristina und Skopje warb er um eine Schließung des Fluchtwegs. Kurz zuvor hatte Nordmazedonien seine Übergänge zu Griechenland abgeriegelt, kurz danach reagierte Slowenien auf die österreichische Flüchtlingsobergrenze selbst mit einer ähnlichen Maßnahme. Andere Länder folgten.

Die deutsche Kanzlerin Angela Merkel goutierte das österreichische Vorgehen nicht. Sie kritisierte die Grenzsperren als "Scheinlösung". Griechenland war empört: Es sah sich mit hunderttausenden Flüchtlingen allein gelassen.

Umstrittene Vereinbarung

Merkel verfolgte in der Zwischenzeit einen anderen Plan: Sie wollte ein EU-Abkommen mit der Türkei schließen. Das Land sollte Geld erhalten für die Unterstützung von rund drei Millionen Menschen, die aus dem benachbarten Syrien geflohen waren - und dafür dazu beitragen, die EU-Außengrenze zu schützen.

Die umstrittene Vereinbarung wurde Mitte März 2016 geschlossen. Zuvor machten immer mehr europäische Staaten ihre Grenzen dicht. Dennoch wehrte sich Merkel bei einem EU-Gipfel gegen die Formulierung, dass ein Weg geschlossen sei. Stattdessen hieß es in der Schlusserklärung: "Der irreguläre Zustrom von Migranten entlang der Westbalkan-Route ist jetzt zu einem Ende gekommen."

Die Zahl der Ankünfte sank danach rapide. Heuer registrierte die EU-Grenzschutzagentur Frontex bis August gut 11.200 illegale Grenzübertritte. Völlig geschlossen war die Balkanroute nie. Doch die Flüchtlingsbewegungen haben sich verlagert. (czar/apa)