Nachdem am Mittwoch Unbekannte vor der Wohnung von Swetlana Alexijewitsch in Minsk aufgetaucht waren, haben sich europäische Diplomaten, darunter auch die österreichische Botschafterin, zu einem Blitzbesuch bei der weißrussischen Literaturnobelpreisträgerin eingefunden. Die 72-jährige Schriftstellerin ist vor Ort das letzte prominente Mitglied des oppositionellen Koordinationsrates in Freiheit.


"Meine erste persönliche Begegnung mit Literaturnobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch. Hätte mir andere Umstände gewünscht", twitterte die österreichische Botschafterin in Weißrussland (Belarus), Aloisia Wörgetter, am frühen Nachmittag. Sie verbreitete ein Gruppenbild, das die Schriftstellerin im Kreis von europäischen Diplomaten zeigte.

Litauens Vizebotschafterin in Minsk, Asta Andrijauskiene, hatte gleichzeitig auf Facebook von einem "Express-Besuch der Solidarität" geschrieben.

Das weißrussische PEN-Zentrum hatte zuvor eine Erklärung Alexijewitschs veröffentlicht "Von meinen Freunden und Gleichgesinnten aus dem Präsidium des Koordinationsrats ist niemand mehr übrig geblieben. Alle sind im Gefängnis oder aus dem Land geworfen worden", kommentierte Alexijewitsch die Verhaftung des Juristen Maxim Snak.

Vorwurf des Hochverrats

Bereits Anfang der Woche war die führende Oppositionspolitikerin Maria Kolesnikowa von Unbekannten verschleppt worden. Nach einem gescheiterten Versuch, sie in die Ukraine abzuschieben, dürfte sie sich laut Medienberichten mittlerweile in einem weißrussischen Gefängnis befinden. Nach Angaben des Anwalts von Kolesnikowa ist sie wegen des Verdachts des Hochverrats festgenommen worden. Dies sei Teil eines Strafverfahrens, in dem es auch um den Vorwurf der Machtübernahme gehe, meldete die russische Nachrichtenagentur RIA am Mittwoch unter Berufung auf Kolesnikowas Anwalt.

Angesichts der Dauerproteste rief Alexijewitsch den weißrusssischen Präsidenten Alexander Lukaschenko zum Dialog mit der Bevölkerung auf. "Lukaschenko sagt, dass er nicht mit der Straße sprechen wird. Aber die Straße - das sind Hunderttausende Menschen, die jeden Sonntag und jeden Tag auf die Straße gehen", sagte die 72-jährige Schriftstellerin am Mittwoch einer vom Pen-Zentrum in Minsk verbreiteten Mitteilung zufolge. "Es ist nicht die Straße, es ist das Volk."

Alexijewitsch ist das einzige Mitglied des sogenannten Koordinierungsrats der Zivilgesellschaft für einen friedlichen Machtwechsel, das noch in Freiheit ist. Vor ihrer Wohnung im Zentrum von Minsk versammelten sich am Dienstag Journalisten, weil befürchtet wurde, dass die weltberühmte Autorin ebenfalls festgenommen wird. Die Schriftstellerin berichtete, dass sie seit Wochen verfolgt werde. Unbekannte klingelten oft an ihrer Tür. Europäische Diplomaten interpretierten dies mit den Verhaftungen dieser Woche sichtlich besorgt als Alarmzeichen und fuhren zur Nobelpreisträgerin. (apa,red)