Sechs Wochen nach der umstrittenen Präsidentschaftswahl in Weißrussland (Belarus) hält die Opposition den Druck auf Staatschef Alexander Lukaschenko aufrecht. Zehntausende beteiligten sich am Sonntag in der Hauptstadt Minsk an einem "Marsch der Gerechtigkeit". Im ganzen Land wurden mehr als 150 Menschen von der Polizei festgenommen, wie die Menschenrechtsgruppe Wiasna am Sonntagabend mitteilte.

Die Demonstranten trugen rote und weiße Kleidung - die Farben der Opposition. Mehrere unabhängige Medien berichteten von Zehntausenden Teilnehmern. Die oppositionsnahe Zeitung "Nascha Niwa" sprach von 150.000 Menschen.

Die Einsatzkräfte der Regierung waren in der Früh in Minsk mit Militärfahrzeugen und gepanzerten Mannschaftstransporter in der Innenstadt aufgefahren und hatten Stacheldrahtbarrieren errichtet. U-Bahn-Stationen im Stadtzentrum waren geschlossen und das mobile Internet eingeschränkt.

Proteste auch in weiteren Städten

Demonstranten in Minsk werden von Spezialeinheiten am Passieren gehindert. - © via Reuters
Demonstranten in Minsk werden von Spezialeinheiten am Passieren gehindert. - © via Reuters

Im Laufe des Tages nahmen die Einsatzkräfte nach Angaben von Wiasna mehr als hundert Menschen in Minsk und fast 50 weitere in anderen Städten fest. Außer in Minsk gab es vor allem auch in Brest, Grodno und Gomel Proteste gegen Lukaschenko.

Unter den in Minsk Festgenommenen befand sich auch Oleg Moissejew, ein Mitglied des oppositionellen Koordinierungsrates und Vertrauter der weißrussischen Oppositionsführerin Swetlana Tichanowskaja.

Die Demonstrantin Natalja Tschischewitsch, eine 60-jährige pensionierte Lehrerin sagte, sie komme jede Woche. "Europa hilft uns nicht, Lukaschenko loszuwerden. Die Menschen müssen ihn selbst absetzen", sagte sie.

Tränengas eingesetzt

"Ich hoffe, das hört nicht auf", sagte der 33-jährige Demonstrant Maxim Karpow. "Wir kommen jedes Mal. Es ist so ein frischer Wind, das gibt uns Kraft, weiterzukämpfen."

In der Stadt Brest im Südwesten des Landes setzte die Polizei nach eigenen Angaben nach Auseinandersetzungen mit Demonstranten Tränengas ein.

Bei den Protesten am Vortag waren mehr als 400 Demonstrantinnen festgenommen worden. Der oppositionelle Koordinierungsrat sprach angesichts dieser, im Vergleich zum vergangenen Wochenende sehr viel höheren Zahl an Festnahmen von einer "neuen Phase der Eskalation der Gewalt gegen friedliche Demonstranten". (apa)